Mobilmachung: Wie Putins Krieg in Russland ankam

Die Mobilmachung im September 2022 zerstörte die Illusion eines weitgehend normalen Lebens in Russland. Alexandra Prokopenko beschreibt das Chaos.

Der russische Angriff auf die Ukraine lag 2022 für viele Menschen in Russland zunächst in einer fernen, abstrakten Sphäre. Das änderte sich schlagartig, als Wladimir Putin am 21. September die Mobilmachung ankündigte. Für die russische Elite und die Bevölkerung war dies ein Schock, der in seiner Wirkung teilweise sogar über den Beginn des Krieges hinausging. Alexandra Prokopenko, regelmäßige Autorin von The Bell, beschreibt in ihrem neuen Buch From Sovereigns to Servants: How the War Against Ukraine Reshaped Russia’s Elite, wie die russische Elite und die technokratische Staatsbürokratie auf diesen Einschnitt reagierten.

Mobilmachung völlig unvorbereitet

Noch eine Woche zuvor hatte der Kreml den Bedarf für eine Mobilmachung kategorisch bestritten. Am 21. September verabschiedete das russische Parlament jedoch umgehend verschärfte Strafen für verschiedene militärische Vergehen, bevor Putin noch am selben Tag das Dekret zur Mobilmachung unterzeichnete. Vorbereitet war offenbar niemand: weder das Verteidigungsministerium und die Einberufungsstellen noch regionale Behörden oder Unternehmen.

Mobilmachung in beiden Ländern: Für beide geht es mittlerweile um alles

Mobilmachung in beiden Ländern: Für beide geht es mittlerweile um alles

Das Mobilmachungsdekret war zudem bewusst vage formuliert und übertrug wesentliche Verantwortung an das Verteidigungsministerium. Entscheidende Informationen wurden geheim gehalten. Selbst die Zahl der zu mobilisierenden Menschen war in einem nicht öffentlichen Artikel des Dekrets enthalten. Was folgte, beschreibt Prokopenko als beispielloses Chaos innerhalb des russischen Staatsapparats.

Polizisten und Militärangehörige holten Menschen von der Straße und brachten sie zu den Einberufungsstellen. Unternehmen mussten kurzfristig alle wehrpflichtigen Beschäftigten melden. Einberufungsbescheide gingen sogar an Rentner, Studenten und Menschen mit Behinderungen. Militärische Vorerfahrungen wurden vielfach offenbar nicht geprüft. In mehreren Städten kam es zu Protesten.

Panik und wirtschaftliches Vakuum

Auch Unternehmen wurden unmittelbar mit den Folgen konfrontiert. Verängstigte Mitarbeiter und deren Familien wandten sich an Personalabteilungen, um Informationen und Ausnahmen zu erhalten. Gleichzeitig fehlten klare Vorgaben des Kremls, wie die öffentliche Stimmung beruhigt werden sollte.

Ein weiteres Problem war die Finanzierung. Für die Mobilmachung war nach Darstellung eines von Prokopenko zitierten Beamten kein entsprechendes Budget vorgesehen. Das Problem zog sich durch föderale und regionale Ebenen bis hin zu Unternehmen. Wie bereits während der Corona-Pandemie habe Putin Entscheidungen teilweise ohne ausreichende Abstimmung mit dem wirtschaftspolitischen Teil der Regierung getroffen – anschließend musste die Bürokratie die Finanzierung organisieren.

Russlands Mobilmachung mit Vladimir P. an der Spitze

Russlands Mobilmachung mit Vladimir P. an der Spitze

Unternehmen und Branchenvertreter versuchten derweil, beim Kreml Ausnahmen oder zumindest Aufschübe für ihre Mitarbeiter zu erreichen. IT-Unternehmen, Pharmafirmen, Medien, Industrie, Banken und andere Branchen waren betroffen.

Exodus der Fachkräfte

Für Russland besonders problematisch war die Flucht junger und qualifizierter Menschen. Nach konservativen Schätzungen verließen rund 650.000 Menschen das Land dauerhaft. Zwar entspricht dies lediglich etwa 0,85% der Erwerbsbevölkerung, doch handelte es sich überproportional um junge, gut ausgebildete und wirtschaftlich aktive Menschen aus Bereichen wie IT, Forschung, Datenanalyse, Kultur und Kunst.

Teilweise verschwanden komplette Projektteams aus Unternehmen. Auch junge Staatsbedienstete verließen Russland, etwa in Richtung Kasachstan, Armenien oder die Türkei. Die Behörden reagierten schnell: Ausgereiste Beamte wurden unter Androhung der Entlassung zurückgerufen, während Staatsbedienstete zugleich besonders schnell Ausnahmen von der Einberufung erhielten.

Für den Kreml wurde der Exodus auch politisch problematisch. Die Bilder von kilometerlangen Fahrzeugschlangen etwa am Grenzübergang Werchnij Lars nach Georgien widersprachen der offiziellen Darstellung einer geeinten russischen Gesellschaft. Zudem bildeten die Ausgereisten eigene Netzwerke und waren damit schwerer staatlicher Propaganda zugänglich.

Kreml setzt auf Kontrolle statt Ausreiseverbote

Bemerkenswert ist laut Prokopenko, dass der Kreml trotz des Exodus keine generellen Ausreisebeschränkungen wie etwa in der Sowjetunion oder der DDR einführte. Die Entscheidung wurde öffentlich nicht erklärt. Von Prokopenko befragte Personen vermuten jedoch, dass die russische Führung aus den Erfahrungen der Sowjetunion und der DDR gelernt habe: Ein vollständiges Ausreiseverbot könne größeren politischen Schaden verursachen.

Die Mobilmachung offenbart damit nach Prokopenkos Darstellung nicht nur die Reaktion der russischen Gesellschaft auf den Krieg, sondern auch die Funktionsweise des Putinschen Machtapparats: Der Präsident trifft weitreichende Entscheidungen mit minimaler Konsultation – anschließend versucht der gesamte Staatsapparat, die Folgen zu bewältigen und zugleich das Bild eines kontrollierenden und kontrollierten Kremls aufrechtzuerhalten.

Alexandra Prokopenko

Alexandra Prokopenko beschreibt in ‚From Sovereigns to Servants‘ diesen Wandel der russischen Elite und die Frage, wie liberal gesinnte Technokraten zu Mitwirkenden am Kriegssystem wurden. Die englische Ausgabe des Buches soll im September bei Hurst Publishers erscheinen. The Bell ist ein unabhängiges russisches Wirtschaftsmedium im Exil und analysiert regelmäßig die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sowie die Auswirkungen internationaler Sanktionen. Alexandra Prokopenko und Alexander Kolyandr zählen zu den profilierten Autoren des Mediums mit Schwerpunkt russische Wirtschafts- und Finanzpolitik.

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