
Russland entdeckt den wirtschaftlichen Neusprech: Preise dürfen sinken oder sich ‚verändern‘ – nur steigen offenbar nicht mehr.
In den Berichten des russischen Wirtschaftsministeriums zur Preisentwicklung zeigt sich seit einigen Monaten ein bemerkenswertes sprachliches Muster: Wenn Preise fallen, wird dies klar benannt: Haushaltsgeräte werden billiger, Preisrückgänge bei Audio- und Videotechnik beschleunigen sich, Autos verbilligen sich. Gehen Preise hingegen nach oben, wird die Sprache auffällig indirekt.
Darauf weisen Alexandra Prokopenko und Alexander Kolyandr von The BELL in ihrem aktuellen Kommentar hin. Lebensmittelpreise hätten sich demnach um 0,23% ‚verändert‘, Benzin um 0,9% und Dieselkraftstoff um 1,3%. Teurer werde in der offiziellen Sprache offenbar nichts mehr: Preise können sinken oder sich verändern – aber niemals steigen.
Nach Einschätzung des Autorenduos handelt es sich nicht um eine isolierte sprachliche Marotte einzelner Verfasser. Vielmehr änderten der Kreml und der finanzpolitische Regierungsblock systematisch die Sprache, mit der wirtschaftliche Probleme beschrieben werden. Vier Jahre Krieg in der Ukraine, anhaltende Unsicherheit, Sanktionen und steigende Preise sorgten zunehmend für Frust in der Bevölkerung. Auch Wladimir Putin gelte nicht als Freund schlechter Nachrichten – entsprechend groß seien die verbalen Verrenkungen.
Treibstoffkrise verschärft sich
Unterdessen greift die durch ukrainische Angriffe auf russische Ölinfrastruktur ausgelöste Benzinkrise nach Angaben von The BELL auf nahezu alle Regionen Russlands über. Die Behörden suchen nach Lösungen – von gelockerten Kraftstoffspezifikationen bis zu höheren Importen. Bislang habe jedoch keine dieser Maßnahmen das Problem entscheidend entschärft.
Die Folgen reichen inzwischen über den unmittelbaren Verbrauchersektor hinaus und belasten zunehmend die Gesamtwirtschaft. Damit trifft die Treibstoffkrise auf eine ohnehin deutlich nachlassende wirtschaftliche Dynamik.
BIP-Wachstum fällt auf 0,3%
Im Mai verlangsamte sich das russische BIP-Wachstum laut The BELL auf nur noch 0,3% gegenüber dem Vorjahr. Im April hatte die Rate noch bei 1,3%, im März bei 1,9% gelegen. Damit schwächte sich das Wachstum bereits den dritten Monat in Folge ab.
Von Januar bis Mai legte das russische BIP gegenüber dem Vorjahreszeitraum insgesamt lediglich um 0,2% zu. Nach Angaben des Telegram-Kanals Hard Figures sank die saisonbereinigte Wertschöpfung in den Kernsektoren der Wirtschaft im Mai zudem um 0,6% gegenüber April.
Der sprachliche Umgang mit diesen Entwicklungen passt für Prokopenko und Kolyandr ins größere Bild: Negative Wirtschaftsnachrichten verschwinden nicht, wenn man sie anders nennt. Doch während sich Wachstum abschwächt und die Treibstoffkrise verschärft, arbeitet die offizielle Kommunikation daran, zumindest den Klang der Realität zu verändern.
Alexandra Prokopenko und Alexander Kolyandr analysieren für The BELL regelmäßig die wirtschaftliche und politische Entwicklung Russlands. Ihr Fokus liegt insbesondere auf russischer Finanz-, Wirtschafts- und Geldpolitik sowie den Folgen von Krieg und Sanktionen.
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