mwb Kapitalmarkt-Standpunkt: Electricity Loading – Deutschland diskutiert, China installiert

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Deutschlands Energiepolitik bleibt zwischen Ausbau, Engpässen und politischer Halb-Architektur gefangen. Von Kai Jordan* – der mwb Kapitalmarkt-Standpunkt.

Im üppig besetzten deutschen Sprichwortschatz heißt es: Alles Neue bringt der Mai (und eben nicht der Merz).

Wir leben in einer geopolitisch fragilen und schwierigen Zeit. Wir versuchen aufzurüsten, aber in der Energiepolitik verhält sich die Bundesregierung am Rand des Dilettantismus – insbesondere der Bundeskanzler und seine Wirtschaftsministerin Reiche zeichnen sich hier aus. Bisher standen Strom- und Klimapolitik in engem Zusammenhang. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen bedeutet zugleich das Erreichen der Klimaziele – monothematisch.

Strom ist aber in der heutigen Zeit kein technisches Nebenthema mehr, sondern Macht-, Preis- und Industriethema. Wer die Stromsysteme beherrscht, beherrscht künftig Wachstum, Industrieansiedlung und Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland braucht in dieser Zeit eine Regierung, die Architektur baut. Stattdessen liefert Merz große Worte seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr und Ministerin Reiche kleinteilige Reaktionen. Sie ist damit beschäftigt, Eigen-PR zu betreiben – für rund 12 Mio. EUR. Scholz war ein schlechter Kanzler, aber ist Merz überhaupt einer? Hier liegt das Problem: zu viel PR, zu viel Ankündigung.

Deutschland hat bei den Erneuerbaren – Habeck sei Dank – sichtbar aufgeholt. Aber der Ausbau hat kein System. Die eigentlichen Engpässe liegen bei Netzen, Speichern, Redispatch, Flexibilität, Industrieanschlüssen und nicht zuletzt in der Preislogik. Genau hier müsste Reiche führen, aber Lobbyisten scheinen die Macht übernommen zu haben. Reiche verwaltet diese Schwächen eher, als dass sie sie strategisch löst – eine Ministerin der Halb-Logik, im allerbesten Fall. Sie reagiert auf Preisaufregung, setzt aber keine strukturelle Logik. Wer gleichzeitig Erneuerbare bremst, Speicher nicht entschlossen priorisiert und beim Netz nur verwaltet, verschärft die Integrationskrise.

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Merz ist der Meister des Pathos. Er ist der Meister der Halb-Architektur. Er versucht, die Energiefrage rhetorisch als große Standort- und Wachstumsfrage zu besetzen. Das wäre legitim, wenn daraus eine kohärente Linie entstünde. Seine Nordsee-Rhetorik klingt groß – ändert aber nichts an den Engpässen. Unter Merz entsteht der Eindruck einer Regierung, die senden will, bevor sie gebaut hat. Aber Zeit ist ein knappes Gut.

Die neue Energiefrage lautet nicht mehr: fossil oder erneuerbar? Sie lautet: Was kommt additiv schnell genug ans Netz? Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Elektrifizierung und Industrieumbau treiben den Strombedarf in eine neue Größenordnung. Die IEA erwartet nahezu eine Verdopplung des globalen Rechenzentrumsstromverbrauchs bis 2030. Europa läuft in dieselbe Richtung. Damit wird Energiepolitik endgültig zur Kapazitätspolitik.

Wer jetzt glaubt, man könne mit einer einzigen Quelle, einer einzigen Technologie oder einer einzigen politischen Erzählung durch diese Stromkurve kommen, verwechselt Klimapolitik mit Wunschzettelökonomie. Entscheidend wird ein belastbarer Mix: Erneuerbare, Netze, Speicher, flexible Gaskraftwerke, perspektivisch Wasserstoff, in manchen Ländern Kernkraft – und vor allem Tempo.

KI beendet die Epoche der energiepolitischen Entweder-oder-Sätze. Die Zukunft ist nicht singulär, sondern additiv. Wer Stromverbrauch exponentiell digitalisiert, kann Stromerzeugung nicht ideologisch verengen.

Kann sich ein Schmunzeln kaum noch verkneifen: Chinas Xi

Made in Germany ist massiv in Gefahr. Deutschland diskutiert, China installiert. China ist strategisch stringent. Es baut Solar, Wind, Netze, Speicher, Batterien und E-Mobilität in industrieller Größenordnung. Kohle bleibt als Sicherheitsanker im System. Das neue Energiesystem wird parallel physisch aufgebaut. Während Reiche noch am deutschen Engpassmanagement arbeitet, baut China längst die materielle Infrastruktur der nächsten Stromordnung – baut Standortvorteile physisch (sh. auch hier).

Aber überholt uns nur China rechts?

Spanien bietet einen Strommix, der zeigt, wie Ausbau und Realität zusammenfinden. Ein hoher Anteil an Erneuerbaren kann real funktionieren und so zum Standortvorteil werden. Wind, Solar und Wasserkraft liefern dort eine deutlich robustere Ausgangslage als in Deutschland. Spanien ist kein Wunderland, aber ein Gegenbeleg zu deutschem Selbstmitleid.

Schweres Erbe für Kanzlerdarsteller Merz: Die Vorgänger waren schon überfordert mit dem deutschen 'Energiemix'

Schweres Erbe für Kanzlerdarsteller Merz: Seine Vorgänger:innen waren schon überfordert mit dem deutschen ‚Energiemix‘

Schweden und Finnland zeigen, wie Energiepolitik aussieht, wenn Klima und Industrie zusammengedacht werden: nahezu CO2-freier Strom, getragen von Wasserkraft, Kernkraft und Wind, zu Preisen, von denen deutsche Unternehmen nur träumen. Dort ist sauberer Strom kein politisches Schaufenster, sondern Standortfaktor. Deutschland diskutiert Brückenstrompreise; der Norden liefert sie faktisch.

Frankreich ist energiepolitisch nicht elegant, aber im Strommix brutal wirksam: viel Kernkraft, wenig fossile Erzeugung, ein weitgehend CO2-armer Sockel für Industrie, Rechenzentren und Elektrifizierung. Deutschland hat die Kernkraft abgeschaltet und muss Kohle, Gas, Netze, Speicher und Erneuerbare gleichzeitig sortieren. Frankreich hat den härteren Industriestrommix.

Dänemark zeigt, wie weit Wind und Solar ein Stromsystem tragen können; Norwegen zeigt, was fast vollständig sauberer Wasserkraftstrom für Standortqualität bedeutet. Beide sind Sonderfälle – klein, ressourcenstark, eng eingebunden in Nachbarmärkte. Aber als Kontrast zu Deutschland wirken sie brutal: Der Norden diskutiert nicht ewig über sauberen Strom, er produziert ihn.

So würde Deutschland gern gesehen werden – die Realität sieht jedoch anders aus

Electricity Loading – und Berlin kommt nicht aus dem Quark. Gefährlich für den Standort Deutschland ist die Kombination aus Merz-Pathos und Reiche-Halb-Logik. Reiche ist das operative Problem, Merz ist das politische Dach dieses Problems. „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“

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