
Geopolitische Risiken drücken aufs Gemüt, doch fundamentale Trends stützen noch: J.P. Morgan sieht daher Chancen trotz Stagflationsrisiken.
J.P. Morgan Asset Management sieht die Kapitalmärkte aktuell im Spannungsfeld zwischen geopolitischen Risiken und weiterhin robusten fundamentalen Trends. Laut Kapitalmarktstratege Tilmann Galler* bleibt die Lage im Nahen Osten trotz temporärer Entspannung fragil – mit spürbaren Folgen für Lieferketten, Energiepreise und die globale Konjunktur.
Im Zentrum stehe die Straße von Hormus als kritisches Nadelöhr: Rund ein Fünftel der weltweiten Ölnachfrage passieren diese Route. Ein Ausfall würde laut Galler einen Versorgungsengpass von etwa 10 Mio. Barrel auslösen – mit klassischen stagflationären Impulsen: schwächeres Wachstum bei gleichzeitig steigender Inflation. Besonders betroffen wären Energieimportnationen wie Japan oder Korea. Dennoch hebt Galler hervor, dass die Energieintensität der Weltwirtschaft heute deutlich geringer ist als in früheren Krisen.
Gleichzeitig stehen diesen Risiken stabile fundamentale Trends gegenüber. Der anhaltende Tech-Boom wirkt weiterhin als Wachstumstreiber, während staatliche Programme – etwa Infrastrukturinvestitionen in Europa oder fiskalische Impulse in den USA – die Nachfrage stützen. Dennoch dürfte der Ölpreis als Preisschock zunehmend auf den Konsum drücken. Der US-Dollar profitiert dabei einmal mehr von seiner Rolle als sicherer Hafen.
Ein Vergleich mit 2022 zeige wichtige Unterschiede: Laut Galler befinden sich die Märkte heute nicht mehr in einem Umfeld von Nullzinsen. Positive Realzinsen, moderateres Lohnwachstum und grundsätzlich sinkende Inflationstrends sorgen für ein anderes Ausgangsniveau. Dennoch markiert das zweite Quartal 2026 einen Wendepunkt, da sowohl fiskalische als auch monetäre Unterstützung schwächer ausfallen könnten. Der steigende Inflationsdruck durch Energiepreise schränkt den Spielraum für Zinssenkungen deutlich ein.
In den USA zeichnet sich zudem ein politisches Fiskaldilemma ab: Sinkende Zolleinnahmen treffen auf steigende Belastungen für Konsumenten durch höhere Energiekosten. Während Europa durch gezielte Investitionen an Resilienz gewinnt, könnte der US-Konsument stärker unter Druck geraten.
Für die Anlagestrategie empfiehlt Galler eine klare Rotation: Qualitätsunternehmen mit hoher Rentabilität und niedriger Verschuldung rücken in den Fokus. Gleichzeitig gewinnen Value-Titel und Dividendenzahler an Attraktivität, insbesondere vor dem Hintergrund steigender Renditen – etwa bei deutschen Staatsanleihen über 3%. Reine Wachstumsaktien reagieren empfindlicher auf dieses Umfeld.
Auch bei Anleihen sieht Galler Chancen, wenngleich deren Schutzfunktion bei steigender Inflation begrenzt bleibe. Umso wichtiger werden Sachwerte wie Infrastruktur oder Transport. Gerade im Schifffahrtsbereich profitieren Leasingmodelle von veränderten Handelsrouten.
In den Schwellenländern zeigen sich deutliche Unterschiede: Während Märkte wie Korea und Taiwan zuletzt hohe Bewertungen aufwiesen, bieten China und Lateinamerika attraktivere Einstiegsniveaus. Eine pauschale Allokation sei jedoch nicht ratsam – vielmehr komme es auf eine selektive Vorgehensweise an.
Fazit
Trotz erhöhter Stagflationsrisiken bleiben die grundlegenden Wachstumstreiber intakt. Entscheidend sei eine aktive Diversifizierung, die sowohl Schutz vor Inflation biete als auch Chancen aus regional unterschiedlichen Entwicklungen nutzt.
*) J.P. Morgan Asset Management zählt zu den weltweit führenden Vermögensverwaltern. Tilmann Galler ist als Kapitalmarktstratege Teil des globalen „Market Insights“-Teams und analysiert makroökonomische Trends sowie deren Implikationen für Investmentstrategien.
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