
Mit einer soliden Treffsicherheit lässt der Januar auf das Gesamtjahr schließen. Hier die acht wichtigsten Thesen für 2026. Von Dr. Manfred Schlumberger*
Stieg der US-Aktienindex S&P 500 während der ersten fünf Tage eines Kalenderjahres, so resultierte historisch mit einer Wahrscheinlichkeit von 85% ein positives Börsenjahr mit einer durchschnittlichen Wertentwicklung von über 14%. Insofern hat sich die Wahrscheinlichkeit für ein gutes Aktienjahr 2026 bereits erhöht – zumindest laut diesem statistischen Zusammenhang der letzten 75 Jahre.
Häufig deutet der Januar auch auf eine Tendenz hinsichtlich der sektoralen und regionalen Entwicklung hin. Im Folgenden analysieren wir die fundamentalen Gründe für das, was uns die Wertentwicklung der ersten Wochen des Jahres aufzeigt.
Schwellenländer an der Spitze
[…] Der schwache US-Dollar, die Wahrscheinlichkeit weiter sinkender Leitzinsen in den USA und eine verbesserte Verschuldungssituation bedeuten Rückenwind für die Schwellenländermärkte. China ist dank einer günstigen und reichlich verfügbaren Energieversorgung der stärkste Wettbewerber der großen US-Technologiekonzerne. Jensen Huang, der Chef von Nvidia, sieht deshalb sogar einen strukturellen Vorsprung für die chinesischen IT-Konzerne.
Indien ist nach einem schwachen Vorjahr aus Bewertungssicht wieder interessanter geworden. Die kleinen asiatischen Märkte leiden nur wenig unter den US-Zöllen, die primär von den US-Konsumenten getragen werden müssen. Außerdem sind sie weiterhin große Nutznießer des KI-Booms. Die Börsen in Südkorea, Taiwan oder Vietnam werden weiterhin überproportional davon profitieren. Auch die Hausse an den südamerikanischen Märkten kann von den US-Zöllen nicht gestoppt werden. […]
Auch Europa und Japan gut ins Jahr gestartet
Trotz des ‚Grönland-Schocks‘ gelang es den meisten europäischen Märkten in den ersten Wochen des Jahres besser abzuschneiden als die US-Märkte. Wie Anfang des letzten Jahres könnte die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten zu einer stärkeren internationalen Diversifizierung von US-Anlegerinnen und -Anlegern führen. Das gewaltige Infrastruktur- und Aufrüstungsprogramm der deutschen Regierung sollte die mehrjährige Stagnation der größten europäischen Volkswirtschaft beenden und europäische Unternehmen überproportional begünstigen. Ein Ende[1] des Ukraine-Kriegs könnte für zusätzlichen Rückenwind sorgen. […]
Die stärksten europäischen Branchen
Spitzenreiter seit Jahresanfang ist in Europa der Grundstoffsektor. Dafür sind zum einen die Goldminenaktien verantwortlich und zum anderen bedarf die New Economy zunehmend der Old Economy. Metalle wie Silber und Kupfer werden vor allem für die Stromversorgung der KI-Rechenzentren gebraucht: Kupfer für die Stromleitungen und Silber für die Stromversorgung durch Photovoltaik. Hier spricht viel für eine Fortsetzung des Trends. […]
Da die USA die Mitgliedschaft in der NATO immer mal wieder in Zweifel ziehen, wird die notwendige Aufrüstung Europas weiterhin für steigende Kurse der Rüstungskonzerne sorgen, auch wenn die Bewertungen zwischenzeitlich schon mehr als ambitioniert sind. Hier könnte allerdings eine Beendigung[2] des Ukraine-Kriegs für eine kräftige Korrektur sorgen.
Versorger und klassische Energieunternehmen bleiben Profiteure der steigenden Stromnachfrage, während die breite Bevölkerung unter den hohen Strompreisen zu leiden hat.
Der Pharmasektor scheint 2026 besser abschneiden zu können als im Vorjahr. Die Beschleunigung der Medikamentenentwicklung durch KI und die Übernahme von innovativen kleineren Unternehmen aus dem Biotechnologiesektor spricht angesichts der enormen Finanzkraft von Big Pharma für ein gutes Börsenjahr.
Der europäische Finanzsektor, der mit Kurszuwächsen von insgesamt 45% und speziell bei den Banken 65% im letzten Jahr überragend abgeschnitten hat, tut sich zum Jahresanfang schwerer als im Vorjahr. Vor allem die Versicherer, die wegen der starken Aufwärtsentwicklung der Vorjahre in der Bewertung kräftig gestiegen sind, starteten schwach ins Jahr. […]
Mega-Hausse bei Edelmetallen
[…] Bei den Edelmetallen kann es jederzeit zu Gewinnmitnahmen kommen, die heftige Korrekturen zur Folge haben könnten, die allerdings dann wieder von den Zentralbanken zu Nachkäufen genutzt werden dürften.
Zum Schluss zusammengefasst die wichtigsten Prognosen für dieses Börsenjahr:

Gold-Silber-Ratio – je niedriger, desto besser Silber ggü. Gold. Im Januar sah es schon mal exorbitant gut aus.
Kernthesen
– Fundamental spricht viel für eine Fortsetzung der Hausse. Sie kann durch heftige Korrekturen unterbrochen, aber nicht gestoppt werden.
– Das größte Risiko für die Aktienmärkte liegt im US-Technologiebereich, der wegen seiner hohen Bewertung anfällig für mögliche Enttäuschungen bei der KI-Entwicklung ist.
– Regional sollten Schwellenländer und Europa die US-Märkte outperformen.
– Kleine und mittlere Unternehmen werden sich in den USA wie in Europa besser entwickeln als die großen Konzerne.
– Aktien aus dem Grundstoff-, Rüstungs-, Versorger-, Energie– und Pharmasektor werden weiter gut laufen. Banken setzen ihren Aufwärtstrend fort.
– Bei allen Investitionen in ausländischen Währungen muss mit Devisenverlusten gegenüber dem Euro als Heimatwährung gerechnet werden. Grund ist die gewünschte Abwertung des US-Dollars durch die US-Regierung.
Überraschungen an den Kapitalmärkten sind immer möglich. Dann ist Flexibilität im Denken und Handeln gefragt!
*) Dr. Manfred Schlumberger ist Leiter Kapitalmarktanalyse der Fürstlich Castell’schen Bank, einer unabhängigen Privatbank in Familienbesitz, gegründet 1774.
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[1] Gemeint ist sicherlich ein ‚Stopp‘.
[2] Gemeint ist sicherlich ein ‚Stopp‘.


