KI als vollständiger Ersatz für einen menschlichen Anlageberater? – eher nicht

Die Finanzbranche ist mit der Menge an Daten prädestiniert für den Einsatz von KI mit vielen unterschiedlichen Anwendungsbereichen. Von Maurizio Porfiri*

Für die Anlageberatung, so wie wir sie heute im Retail oder Private Banking kennen, wird sich durch die Anwendung von künstlicher Intelligenz im Vordergrund vorerst nicht sehr viel ändern.

Menschen brauchen menschliche Beratung

Es gibt heute bereits Unternehmen, welche die Gehirnströme analysieren und versuchen, die Gefühlsebenen der Menschen zu erkunden und diese bei Entscheidungen soweit möglich zu optimieren oder zu eliminieren. Dies könnte sicherlich in absehbarer Zukunft auch in Strategien eingebettet werden. Für die breite Masse wird es aber eher eine Fiktion bleiben und nicht anwendbar sein. Finanzielle Sicherheit ist in unserer Gesellschaft tief verankert und ist sehr wichtig für das Allgemeinwohl, ebenso wie soziale Kontakte, Wohlbefinden oder Gesundheit. Die Bereitschaft, eine Entscheidung aufgrund einer Simulation oder einer Berechnung komplett an eine Maschine abzugeben, scheint heutzutage noch unrealistisch.

Banken haben diesbezüglich bereits Erfahrungen gesammelt. Diese zeigen, dass der persönliche Kontakt zu einem Menschen bei der Entscheidungsfindung praktisch (noch) nicht zu ersetzen ist. Sobald es darum geht, einen Anlagevorschlag umzusetzen, eine Kreditfinanzierung abzuschließen oder die Vorsorge- oder Nachfolgeregelung zu planen, wird ein persönlicher Kontakt gewünscht.

Obwohl der Kunde grundsätzlich rational entscheiden möchte, sieht die Realität bei Finanzfragen oftmals anders aus. Emotionen wie zum Beispiel Angst und Gier sind hier weiterhin starke Faktoren, die schlussendlich zum sogenannten Bauchgefühl führen. Die Bestätigung eines anderen Menschen, einer Vertrauensperson oder eines Experten, der sich auskennt, bleibt unerlässlich.

KI-Revolution im Hintergrund

KI und wie es dazu kam...

Ganz anders sieht es im Hintergrund aus. Hier wird der Einsatz von KI bereits kräftig entwickelt. Von der Erstellung des Risikoprofils bis hin zum Anlagevorschlag, aber auch für die laufende Beobachtung der Anlagen wird KI eine wichtige Rolle einnehmen. Anlage- oder Finanzierungsvorschläge werden mittels verbesserter Suchfunktionen viel präziser auf den Kundenwunsch angepasst.

Das aktive Bewirtschaften und Management von Strategien kann künftig weitgehend automatisiert werden. Asset Management Tools können das Auswerten von Informationen und deren Umsetzung in Portfolios in Echtzeit implementieren. In der Praxis nutzt heute zum Beispiel die Deutsche Bank künstliche Intelligenz, um Portfolios vermögender Kunden zu scannen. ING Group sucht nach potenziellen säumigen Kreditnehmern. Morgan Stanley sagt, dass seine Banker in einer ‚sicheren und geschlossenen Umgebung experimentieren‘. JPMorgan Chase saugt Talente auf und wirbt für mehr KI-Profile. Die KI-Revolution schreitet an der Wall Street schnell voran, da das Interesse an der sich entwickelnden Technologie und ihren wahrscheinlichen Auswirkungen auf die Wirtschaft immer größer wird. […]

Maurizio Porfiri

Fazit

Im Asset Management ist vorstellbar, dass KI die Überwachung und Implementierung von verwalteten Strategien im Hintergrund übernimmt. Das bedeutet, dass kleinere Teams im Asset Management in der Umsetzung aktiv verwalteter Strategien effizienter sein können. Dies geht weiter bis zur Kredit- und Bonitätsprüfung für Kreditinstitute, aber auch für Exchanges und Trading Plattformen, die durch KI bessere Algorithmen und intuitive Software zur Verfügung stellen können. Es gibt viele Anwendungsbereiche für KI in der Branche. Eines ist jedoch klar: Wir haben heute noch keine wirkliche Vorstellung davon, wohin diese Reise geht. Bislang kann aber keine Maschine unsere menschlichen Erfahrungen und Emotionen ergründen, simulieren oder das Vertrauen geben, uns bei einer Anlageentscheidung zu bestätigen. Hierfür ist der Mensch als Berater weiterhin unerlässlich.

*) Maurizio Porfiri ist CIO bei CAT Financial Products

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