
Ohne funktionierenden Verbriefungsmarkt bleibt die Kapitalmarktunion Stückwerk – Europa braucht laut PGIM mutigere Reformen.
Die geplante Kapitalmarktunion rückt erneut ins Zentrum der europäischen Finanzpolitik. Nach Ansicht von Katharine Neiss, Europäische Chefökonomin bei PGIM, entscheidet sich ihr Erfolg maßgeblich daran, ob Europa den Verbriefungsmarkt endlich grundlegend reformiert. Ohne funktionierende Verbriefung drohe die Kapitalmarktunion hinter ihren wirtschaftlichen Erwartungen zurückzubleiben.
Verbriefungen ermöglichen es, Kredite zu bündeln und als investierbare Wertpapiere an den Kapitalmarkt zu bringen. Dadurch könne Kapital gezielt in wirtschaftlich relevante Bereiche wie Wohnungsbau, Infrastruktur, Mittelstandsfinanzierung oder Energiewende gelenkt werden. Gleichzeitig würde das europäische Finanzsystem breiter aufgestellt, das bislang stark von Banken abhängig sei. Institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionsfonds könnten stärker in die Finanzierung der Realwirtschaft eingebunden werden.
Nach Einschätzung von Neiss wird der europäische Markt jedoch durch besonders strenge regulatorische Vorgaben ausgebremst. Diese würden EU-Investoren faktisch den Zugang zu großen Teilen des globalen Verbriefungsmarktes erschweren, Nachfrage und Angebot dämpfen und damit Wachstumspotenzial ungenutzt lassen. Eine stärkere Angleichung an internationale Standards könnte Portfolio-Diversifikation verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Kapitalmärkte erhöhen.
Neiss plädiert dabei ausdrücklich nicht für weniger Aufsicht, sondern für einen stärker prinzipienbasierten Regulierungsansatz. Professionellen Investoren müsse mehr Verantwortung bei der Risikobewertung übertragen werden, während Transparenz- und Emittentenregeln erhalten bleiben sollten. Europas derzeitiger Sonderweg führe dagegen zu strukturellen Wettbewerbsnachteilen.
Die wirtschaftspolitische Dimension gehe weit über Finanzmarkttechnik hinaus. Ein wiederbelebter Verbriefungsmarkt könnte jährlich Milliarden an privatem Kapital mobilisieren und Investitionen in Innovation, Digitalisierung und klimafreundliche Technologien erleichtern. Auch Mario Draghi habe in seinem Reformbericht vor einem langfristigen wirtschaftlichen Rückstand Europas ohne tiefgreifende Maßnahmen gewarnt.
Zwar seien politische Fortschritte erkennbar, doch reichten die bisherigen Vorschläge nach Ansicht der Autorin noch nicht aus. Entscheidend sei nun, dass das Europäische Parlament eine Reform verabschiede, die den Markt tatsächlich belebe. Nur dann könne die Kapitalmarktunion ihr Ziel erreichen: mehr Investitionen, diversifizierte Finanzierung und eine stärkere globale Wettbewerbsfähigkeit Europas.
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