DocMorris zwischen Strategie-Shift und Machtkampf

DocMorris sieht sich auf Kurs Richtung Profitabilität – gleichzeitig eskaliert der Streit um Einfluss im Verwaltungsrat.

Die DocMorris-Aktie hat zuletzt wieder an Dynamik gewonnen, getragen von operativen Fortschritten. Im Interview mit Karim Serrar für SchweizerAktien.net ordnet Verwaltungsratspräsident Walter Oberhänsli die Entwicklung ein – und bezieht zugleich Stellung im aktuellen Machtkampf rund um die kommende Generalversammlung.

Rückblickend räumt Oberhänsli ein, dass die ursprünglich gesteckten Ziele noch nicht vollständig erreicht worden seien. Hauptgrund sei die Verzögerung des E-Rezepts in Deutschland um mehr als zwei Jahre. Die Marktdurchdringung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sei weiterhin erreichbar, allerdings zeitlich nach hinten verschoben. Zusätzliche Impulse sieht er durch Telemedizin und den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), insbesondere im Kontext der Kooperation mit Google.

Strategisch zeigt sich der VRP selbstkritisch: Die frühere Ausrichtung auf aggressives Wachstum durch Akquisitionen würde man heute vorsichtiger angehen und weniger bilanzielle Risiken eingehen. Gleichzeitig moniert Oberhänsli, dass regulatorische Rahmenbedingungen wesentliche Faktoren gewesen seien, die außerhalb des direkten Einflusses des Managements lagen.

DocMorris führt einen auf-Augenhöhe-Kampf mit der Shop-Apotheke in Deutschland

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Im Wettbewerb mit Redcare Pharmacy sehe sich DocMorris weiterhin im Rennen. Entscheidend sei die Weiterentwicklung hin zu einem digitalen Ökosystem, das das klassische Online-Geschäft mit Telemedizin und Retail Media verbindet. Erste Fortschritte seien bereits im aktuellen Zahlenwerk sichtbar. Der Markt mit einem Volumen von rund 60 Mrd. EUR biete grundsätzlich Platz für mehrere Anbieter, auch wenn der Anspruch bestehe, langfristig wieder eine führende Position einzunehmen.

Beim Thema E-Rezept spricht Oberhänsli weiterhin von einer ‚once in a Lifetime‘-Chance, räumt jedoch ein, dass die Marktdurchdringung langsamer verlaufe als erwartet. Der Fokus liege klar auf Deutschland, während andere europäische Märkte derzeit bewusst in den Hintergrund träten, um eine strategische Verzettelei zu vermeiden.

Ein zentrales Thema bleibt die anstehende Generalversammlung und der Konflikt mit der Investorengruppe um CEPD/Pelion und Jacek Szwajcowski. Oberhänsli bewertet deren Vorgehen als Versuch einer ‚kalten Übernahme durch die Hintertür‘. Die Forderung nach mehreren Verwaltungsratssitzen UND dem Präsidium würde faktisch die Kontrolle über das Unternehmen bedeuten. Aus seiner Sicht widerspreche dies den Interessen der übrigen Aktionäre, zumal es an Transparenz über Strategie und Finanzierung fehle.

Er betont, dass an den Kapitalmärkten grundsätzlich gelte: Wer Kontrolle anstrebe, müsse ein öffentliches Übernahmeangebot mit entsprechender Prämie vorlegen. Ein Vorgehen ohne ein solches Angebot stelle einen massiven Angriff auf die Aktionärsinteressen dar.

Vor diesem Hintergrund wirbt Oberhänsli für Kontinuität im Verwaltungsrat. Die aktuellen Zahlen würden belegen, dass sich DocMorris auf dem Weg zur Profitabilität befinde. Ein abruptes Umschwenken in der Führung könne diese Entwicklung gefährden. Stattdessen setze das Unternehmen auf eine schrittweise Weiterentwicklung der Governance-Strukturen sowie eine geordnete Nachfolgeplanung.

Verwaltungsratpräsident Walter Oberhänsli

Verwaltungsratpräsident Walter Oberhänsli – Foto: @DocMorris

Unterm Strich zeigt sich DocMorris in einer doppelten Übergangsphase: operativ auf dem Weg zum Turnaround, gleichzeitig geprägt von einem Konflikt um Kontrolle und strategische Ausrichtung.

Walter Oberhänsli ist Verwaltungsratspräsident von DocMorris und ehemaliger CEO des Unternehmens, 1993 Mitgründer der Zur Rose AG. Das Interview mit SchweizerAktien.net führte Karim Serrar.

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