
Energieschock und Inflationssorgen veränderten zuletzt den Anleihemarkt. Eurizon sieht Chancen – aber nicht mehr im Gießkannenprinzip.
Der jüngste Energieschock infolge der Spannungen im Nahen Osten hat die europäischen Anleihemärkte spürbar beeinflusst. Nach Einschätzung von Massimo Spadotto, Head of Fixed Income bei Eurizon, erfolgte die Anpassung bislang vor allem über die Zinserwartungen an die EZB und damit über das kurze Ende der Zinskurve.
Bemerkenswert sei, dass sich die Risikoaufschläge von Unternehmensanleihen und Staatsanleihen der europäischen Peripherie nur vorübergehend ausgeweitet hätten. Die Märkte werteten den Schock demnach eher als Mischung aus höherem Inflationsdruck und schwächerem Wachstum denn als systemische Finanzkrise.
Für die Geldpolitik bedeute dies ein schwieriges Umfeld. Höhere Energiepreise treiben die Inflation, belasten aber gleichzeitig die Konjunktur. Spadotto erwartet daher ein vorsichtiges Vorgehen der EZB. Während kurzfristige Zinserwartungen wieder zurückgenommen werden könnten, bleibe das lange Ende der Zinskurve angesichts höherer Staatsausgaben und wachsender Emissionsvolumina unter Druck.
Besonders interessant erscheinen dem Anleihespezialisten derzeit inflationsgebundene Anleihen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten. Sie könnten einen gewissen Schutz bieten, da steigende Energiepreise die Inflationserwartungen stützen und die Realrenditen weiterhin attraktiv seien.
Im Bereich der Unternehmensanleihen rückt laut Spadotto die aktive Auswahl einzelner Emittenten stärker in den Vordergrund. Energieintensive Branchen wie Chemie, Papier oder Grundstoffindustrie stünden unter besonderem Druck. Pauschale Sektorvermeidung hält Eurizon jedoch für den falschen Ansatz. Gefragt seien vielmehr Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, soliden Bilanzen und einer diversifizierten Energieversorgung.
Eine breit angelegte Ausfallwelle erwartet Spadotto nicht. Viele Unternehmen hätten die Niedrigzinsphase genutzt, um ihre Finanzierung langfristig zu sichern und Liquiditätsreserven aufzubauen. Statt systemischer Risiken beobachte der Markt derzeit vor allem eine zunehmende Differenzierung zwischen einzelnen Schuldnern.
Auch strukturell bleibt der Anleihemarkt im Wandel. Höhere Ausgaben für Verteidigung, Energieinfrastruktur und industrielle Resilienz dürften das Emissionsvolumen europäischer Staatsanleihen langfristig erhöhen. Gleichzeitig werde der Begriff nachhaltiger Finanzierung breiter gefasst und umfasse zunehmend auch Transformations- und Infrastrukturprojekte.
Massimo Spadotto verantwortet als Head of Fixed Income bei Eurizon die Anleihestrategien des italienischen Asset Managers. Eurizon gehört zur Intesa-Sanpaolo-Gruppe und zählt zu den größten Vermögensverwaltern Europas.
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