
Deutsche Gesundheitspolitik: Das Fixum von 9,50 EUR soll Apotheken stabilisieren. Eigentlich. Real bleibt das Fixum jedoch weit hinter Inflation und Kostenentwicklung zurück. Von Arthur P. Vorreiter*
Es gibt politische Entscheidungen, deren symbolische Wirkung größer ist als ihre ökonomische Substanz. Die geplante Erhöhung des Apothekenfixums auf 9,50 EUR gehört in genau diese Kategorie. Nach dreizehn Jahren nominaler Stagnation bei 8,35 EUR soll die öffentliche Apotheke künftig pro verschreibungspflichtige Packung etwas mehr erhalten. Politisch gilt dies als Reform. Ökonomisch wirkt es eher wie der Versuch, einen längst eingetretenen Kaufkraftverlust nachträglich zu verwalten.
Denn die Debatte wird fast ausschließlich nominal geführt, während die entscheidende Größe real ist: die Kaufkraft. Das Fixum wurde zuletzt 2013 angepasst. Seitdem haben sich Inflation, Personalkosten, Energiepreise und regulatorische Belastungen massiv verändert, während die Vergütung praktisch eingefroren blieb. Rechnet man allein die kumulierte Inflation auf das damalige Fixum um, entspräche die Kaufkraft der damaligen 8,35 EUR heute bereits einem Wert von etwas mehr als 11 EUR. Mit anderen Worten: Selbst die sofortige Umsetzung der 9,50 EUR würde den realen Verlust nicht ausgleichen. Die viel diskutierte „Erhöhung“ wäre damit keine reale Verbesserung, sondern lediglich eine partielle Kompensation bereits verlorener Kaufkraft.
Die eigentliche Brisanz entsteht jedoch durch die geplante Streckung. Medienberichten zufolge soll das Fixum zunächst nur auf 8,65 EUR steigen; die 9,50 EUR würden erst 2031 vollständig erreicht. Ökonomisch bedeutet das etwas sehr Einfaches: Während die Vergütung langsam steigt, läuft die Inflation weiter. Selbst bei moderaten jährlichen Preissteigerungen läge das kaufkraftäquivalente Fixum im Jahr 2031 bereits deutlich oberhalb von 12 EUR. Die geplanten 9,50 EUR entsprächen damit real einer Unterdeckung von fast einem Viertel. Die Politik verkauft damit eine nominelle Anpassung als strukturelle Stabilisierung, obwohl die reale Vergütung weiter sinkt.
Dass dies längst keine theoretische Debatte mehr ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Apothekenwirtschaftsberichts. Die durchschnittliche Umsatzrendite sank von 6,5% im Jahr 2015 auf nur noch 4,2% im Jahr 2025 — ein Rückgang um rund ein Drittel binnen zehn Jahren. Noch gravierender ist die Verteilung dieser Entwicklung: Ein Drittel aller Apotheken erzielt inzwischen Betriebsergebnisse unter 100 TEUR jährlich, 7% arbeiten gar defizitär. Damit verschiebt sich das Problem von individueller Wirtschaftlichkeit hin zu struktureller Fragilität. Denn Rendite bedeutet nicht bloß Gewinn. Sie bedeutet Investitionsfähigkeit, Krisenreserven und langfristige Zukunftsfähigkeit.
Natürlich wäre es analytisch unredlich, sämtliche Apothekenschließungen monokausal auf das Fixum zurückzuführen. Demografie, Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme und regulatorische Belastungen spielen ebenfalls eine Rolle. Doch genau deshalb greift die politische Debatte zu kurz. Entscheidend ist nicht, ob das Fixum der einzige Belastungsfaktor ist. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob ein System mit weitgehend starrer Preisregulierung dauerhaft unterhalb seiner realen Kostenentwicklung operieren kann, ohne strukturelle Erosion hervorzurufen.
Gerade darin unterscheidet sich die öffentliche Apotheke von anderen Akteuren des Gesundheitswesens. Krankenhäuser verfügen über Budgetmechanismen, Ärzte können Leistungen ausweiten, Unternehmen Preise anpassen oder Skaleneffekte nutzen. Die Apotheke hingegen operiert weitgehend innerhalb eines fixierten Stückhonorars.
Die häufig geforderte Orientierung an der Grundlohnrate suggeriert deshalb zwar Gleichbehandlung, führt real jedoch zu asymmetrischer Belastung.
Zwar existieren auch im Apothekensektor Rationalisierungspotenziale — etwa durch Digitalisierung oder Automatisierung. Doch genau hier entsteht der nächste Widerspruch: Die Politik erwartet Modernisierung, entzieht dem System aber gleichzeitig jene wirtschaftlichen Spielräume, die Investitionen überhaupt erst ermöglichen würden. Rationalisierung benötigt Kapital, Planungssicherheit und Investitionsfähigkeit.
Hinzu kommt ein gesundheitsökonomischer Effekt, der in kurzfristigen Fiskaldebatten regelmäßig unterschätzt wird: Einsparungen erscheinen sofort im Haushalt, ihre Folgekosten dagegen zeitverzögert. Weniger Apotheken bedeuten potenziell längere Wege, geringere Beratungsdichte und eine stärkere Belastung anderer Versorgungsbereiche. Die daraus entstehenden Kosten tauchen in der unmittelbaren Bilanz nicht auf — ökonomisch verschwinden sie deshalb jedoch nicht. Die vermeintliche Einsparung kann sich damit als klassische „false Economy“ erweisen: als kurzfristige fiskalische Entlastung mit langfristigen strukturellen Folgekosten.
Genau darin liegt die Ironie der 9,50-EUR-Debatte. Die Zahl wirkt politisch groß genug, um Handlungsfähigkeit zu signalisieren, bleibt fiskalisch jedoch klein genug, um die kurzfristigen Belastungen der gesetzlichen Krankenversicherung zu begrenzen. Sie ist weniger ein ökonomisch hergeleiteter Wert als ein politischer Kompromisswert — und verliert durch die zeitliche Streckung bereits wieder an realer Substanz, bevor er vollständig umgesetzt ist.
Die Pointe dieser Entwicklung ist daher bemerkenswert nüchtern: Nach fast zwei Jahrzehnten nominaler Stagnation wird das Apothekenfixum 2031 zwar formal höher liegen als heute. In realer Kaufkraft dürfte es jedoch näher an den heutigen 8 EUR liegen als an einem echten Inflationsausgleich.
9,50 EUR sind keine Strukturreform. Sie sind der Versuch, ein zunehmend unterfinanziertes Versorgungssystem mit einer homöopathischen Dosis gesundheitspolitischer Beruhigung zu therapieren.
*) Arthur Vorreiter ist Fachautor für u.a. Wirtschaftsrecht und publiziert regelmäßig zu Fachthemen wie Insolvenz und Restrukturierungsrecht, grenzüberschreitenden Wirtschaftsthemen sowie Gesundheitswirtschaft und Kunstrecht.
——————-
! NEU ! Die erste BondGuide Jahresausgabe 2025 ist erschienen (12. Jun.): ‚Green & Sustainable Finance 2025‘ kann wie gewohnt kostenlos als e-Magazin oder pdf heruntergeladen werden.
Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !



