
„Märkte reagieren heute schneller auf Informationen als früher. Dabei spielen einzelne Themen eine größere Rolle“, meint Franz Weis, CIO und Portfoliomanager bei Comgest. Diese Entwicklung wirke sich unmittelbar auf das Anlageverhalten, die Marktstruktur und die Preisfindung aus. Langfristig orientierte Investoren müssten deshalb stärker zwischen strukturellem Wertschöpfungspotenzial und kurzfristiger Marktdynamik unterscheiden.
Mehrere Entwicklungen deuten darauf hin, dass kurzfristige Impulse an den Kapitalmärkten an Bedeutung gewonnen haben. Ein Beispiel ist die Entwicklung der durchschnittlichen Haltedauer von Aktien: Während Aktien in den 1960er-Jahren im Schnitt rund acht Jahre gehalten wurden, liegt die durchschnittliche Haltedauer heute bei weniger als sechs Monaten.
Vom Investieren zum Reagieren
Mittlerweile beeinflussen Nachrichten, Narrative und Marktstimmungen Investitionsentscheidungen immer stärker, während der Fokus auf langfristige Ertragskraft zeitweise in den Hintergrund rückt. Neben institutionellen Akteuren prägen zunehmend auch Privatanleger die Marktmechanik. Die gestiegenen Zuflüsse privater Investoren in den vergangenen Jahren haben das Marktgeschehen spürbar verändert und kurzfristige, momentumgetriebene Bewegungen verstärkt. Phänomene wie Meme-Aktien verdeutlichen, wie Narrative, soziale Medien und kollektives Verhalten Investitionsentscheidungen beeinflussen können. „Das macht es anspruchsvoller, Entwicklungen vor dem Hintergrund langfristiger Fundamentaldaten richtig einzuordnen“, erklärt Franz Weis, CIO und Portfoliomanager bei Comgest. Aus seiner Sicht zeichnen sich strukturelle Veränderungen im Marktverhalten ab, die so in früheren Marktzyklen weniger ausgeprägt waren.
Strukturelles Wertschöpfungspotenzial vs. Marktdynamik
Besonders deutlich zeigt sich diese Dynamik im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz. Die hohe Aufmerksamkeit für das Thema hat zu einer stärkeren Konzentration auf wenige Marktsegmente und Einzeltitel geführt. Verstärkt wird dieser Effekt durch die steigenden Zuflüsse in passive Anlagestrategien. Die dahinter liegenden Indexmechaniken lenken Kapital systematisch in bereits hoch gewichtete Unternehmen. „Künstliche Intelligenz ist zweifellos ein technologischer Fortschritt mit langfristigem Potenzial“, betont Weis. „Gleichzeitig zeigt die aktuelle Marktphase, wie wichtig es ist, technologische Entwicklungen differenziert zu analysieren und zwischen strukturellem Wertschöpfungspotenzial und kurzfristiger Marktdynamik zu unterscheiden.“
Aus Sicht von Comgest verdeutlichen diese Entwicklungen eine veränderte Marktlogik, in der Aufmerksamkeit zunehmend über den zeitlichen Verlauf von Marktbewegungen entscheidet. „Kurzfristige Marktbewegungen sind ein fester Bestandteil der Kapitalmärkte“, so Weis. „Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet und in Bewertungen übersetzt werden.“ Für langfristig orientierte Investoren rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie kurzfristige Marktreaktionen im Kontext nachhaltiger, unternehmensspezifischer Werttreiber zu bewerten sind.
Fundamentaldaten und Bewertungen im Spannungsfeld
In Phasen erhöhter Marktaufmerksamkeit können sich temporäre Abweichungen zwischen Unternehmensgewinnen und Aktienkursen ergeben. Bei Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, soliden Bilanzen und gut sichtbarem Wachstum spiegeln Bewertungen nicht immer unmittelbar die operative Entwicklung wider. „Wir sind davon überzeugt, dass sich die Aktienkurse langfristig an der Entwicklung der Gewinne orientieren. Vor diesem Hintergrund setzen wir weiterhin auf Unternehmen mit klaren Wettbewerbsvorteilen, soliden Bilanzen und gut sichtbaren, langfristigen Wachstumstreibern. Entscheidend ist für uns eine fundierte, unternehmensspezifische Analyse und ein langfristiger Anlagehorizont – nicht die kurzfristige Marktstimmung“, sagt Weis. „Wenn sich diese Beziehung vorübergehend lockert, ist das kein ungewöhnliches Phänomen. Solche Phasen sind Teil des Marktzyklus, treten heute jedoch teils ausgeprägter auf und halten länger an als in der Vergangenheit.“
Benchmark-Vergleiche differenziert betrachten
Die jüngsten Marktbewegungen lenken zudem den Blick auf die Aussagekraft klassischer Benchmark- und Stilzuordnungen. Reine Growth- oder Quality-Indizes bilden jeweils einzelne Faktoren ab, erfassen jedoch nicht immer vollständig die Charakteristika von Qualitätswachstumsstrategien. In ausgeprägten Marktphasen kann dies die Vergleichbarkeit von Wertentwicklungen einschränken. „Benchmarks sind ein wichtiges Instrument zur Einordnung“, so Weis. „Gleichzeitig ist es sinnvoll, ihre Aussagekraft im jeweiligen Marktumfeld zu reflektieren und sie im Zusammenhang mit dem zugrunde liegenden Investmentansatz zu betrachten.“
Nicht auf jede Information direkt reagieren
Die Kapitalmärkte sind heute von einer stetig wachsenden Informationsflut geprägt. Gleichzeitig wird Aufmerksamkeit zunehmend zur knappen Ressource. Vor diesem Hintergrund betont Comgest die Bedeutung eines langfristigen Anlagehorizonts. Geduld, Disziplin und eine fundierte, unternehmensspezifische Analyse können dazu beitragen, Marktbewegungen sachlich einzuordnen und den Fokus auf nachhaltige Wertschöpfung zu richten. „Nicht jede Information erfordert eine unmittelbare Reaktion“, sagt Weis. „Langfristiges Investieren bedeutet für uns, Aufmerksamkeit gezielt einzusetzen und uns auf Unternehmen zu konzentrieren, deren Geschäftsmodelle über Marktzyklen hinweg belastbar sind.“
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