
Marktkommentar von Violeta Todorova, Senior Research Analyst bei Leverage Shares & Income Shares: bei unserem Nachbarn endet die Ära der Steuern auf fiktive Gewinne aus Kapitalanlagen.
Der Aufschrei unter Anlegern war groß, als das niederländische Parlament Ende Januar dieses Jahres mit ihren Plänen, zukünftig auch nicht realisierte Gewinne aus Kapitalanlagen wie Aktien, Anleihen oder Kryptowährungen besteuern zu wollen, Schlagzeilen machte.
Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg lebten niederländische Privatanleger mit einer steuerlichen Grundannahme, die ebenso einfach wie zunehmend umstritten war: Besteuert wurden nicht die Gewinne, die Anleger tatsächlich erzielten, sondern lediglich, was der Staat an Gewinnen annahm. Das Box-3-System basierte auf fiktiven Renditen und ignorierte weitgehend die reale Wertentwicklung von Kapitalanlagen.
Nach einer Reihe wegweisender Urteile des Obersten Gerichtshofs und tiefgreifender gesetzgeberischer Reaktionen steht dieses System nun vor einem möglichen Ende. Die Niederlande leiten damit eine der ambitioniertesten Reformen der Vermögensbesteuerung in Europa ein – mit weitreichenden Konsequenzen insbesondere für langfristige Anleger.
Von der Fiktion zur Realität
Seit seiner Einführung im Jahr 2001 besteuerte das niederländische System Vermögenswerte auf Basis einer pauschalen, gesetzlich festgelegten Renditeannahme – unabhängig davon, ob Portfolios tatsächlich Gewinne erzielten, stagnierten oder Verluste verzeichneten. Über Jahre hinweg überlebte dieses Modell vor allem dank seiner administrativen Einfachheit und Planbarkeit.
Doch die Diskrepanz zur wirtschaftlichen Realität wuchs. Konservative Sparer zahlten Steuern auf Erträge, die sie nie erzielt hatten, während Investoren mit volatilen Anlagen zunehmend mit einer Besteuerung konfrontiert waren, die sich von der tatsächlichen Wertentwicklung entkoppelte. Am 24. Dezember 2021 erreichte diese Entwicklung ihren Wendepunkt: Der niederländische Oberste Gerichtshof erklärte das Box-3-System wegen Verstoßes gegen das Gleichbehandlungsprinzip für rechtswidrig.
Was folgte, war keine einzelne Korrektur, sondern ein mehrjähriger Übergangsprozess mit parallelen Regelwerken, Rechtsbehelfsmechanismen und schließlich einer vollständigen Neugestaltung. Mit der Einführung der Opgaaf Werkelijk Rendement im Jahr 2025 können Steuerpflichtige erstmals ihre tatsächlichen Anlageerträge deklarieren. Ein Schritt, der die Brücke zwischen bisherigen Pauschalannahmen und der geplanten Reform hin zu einer realitätsnahen Besteuerung 2028 schlägt. Box 3 entwickelt sich damit von einer pauschalen Abgabe hin zu einem nachweisbasierten System.
2028 markiert den strukturellen Bruch
Die eigentliche Zäsur ist jedoch für das Jahr 2028 vorgesehen; vorausgesetzt, das Parlament verabschiedet das Gesetz zur Besteuerung tatsächlicher Erträge. Politische Diskussionen drehen sich weiterhin um Details, insbesondere um die Frage, ob illiquide Vermögenswerte jährlich oder erst bei Realisierung besteuert werden. Der Kern der Reform ist radikal: Fiktive Renditen werden vollständig aufgegeben. Die meisten Finanzanlagen, darunter börsennotierte Aktien, Anleihen und Kryptowährungen, sollen künftig jährlich auf Basis tatsächlicher Erträge besteuert werden, einschließlich realisierter und nicht realisierter Wertgewinne.
Dieser Ansatz beseitigt die Möglichkeit langfristiger Steuerstundung durch Buy-and-Hold-Strategien und rückt die Besteuerung näher an die ökonomische Realität. Gleichzeitig entsteht jedoch ein neues Risiko: Steuerpflichten können anfallen, ohne dass entsprechende Liquidität zufließt. Um dies abzufedern, sind begrenzte Ausnahmen vorgesehen: Immobilien und Beteiligungen an Start-ups werden weiterhin nach einem klassischen Veräußerungsgewinnmodell besteuert, bei dem die Steuer erst bei Realisierung anfällt. Börsennotierte Aktien profitieren von dieser Ausnahme jedoch nicht. […]
Neubewertung langfristiger Aktienstrategien
Für Aktieninvestoren sind die Folgen erheblich. Wertsteigerungen werden künftig jährlich steuerlich erfasst – auch ohne Verkauf. Der traditionelle Vorteil des langfristigen Zinseszinseffekts wird dadurch geschwächt, da Anleger unter Umständen gezwungen sind, Teile ihres Portfolios zu veräußern, um Steuerzahlungen zu leisten.
[…] Allerdings bleibt ein zentraler Punkt bestehen: Ohne Inflationsanpassung unterliegen auch nominale Wertzuwächse vollständig der Besteuerung.
Die klassische Debatte zwischen dividendenorientierten und wachstumsorientierten Strategien verliert damit an Bedeutung. Dividenden und Kursgewinne werden steuerlich gleich behandelt. Entscheidend werden stattdessen Risikomanagement und Liquiditätsplanung. Bei einem einheitlichen Steuersatz von 36% und einem steuerfreien Sockelbetrag von lediglich 1.800 EUR pro Steuerpflichtigem rückt die Fähigkeit zur laufenden Steuerfinanzierung in den Mittelpunkt.
Damit berührt die Reform einen Kernkonflikt moderner Altersvorsorgemodelle. Angesichts demografischer Belastungen staatlicher Rentenmodelle gewinnt kapitalmarktbasierte Vorsorge an Bedeutung. Eine laufende Besteuerung nicht realisierter Wertzuwächse erhöht jedoch die Anforderungen an Liquidität und Planung – insbesondere für Privatanleger, die langfristig Vermögen für das Alter aufbauen wollen.
Vor diesem Hintergrund wird das niederländische Modell auch in Deutschland aufmerksam beobachtet. Bereits während der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD im Jahr 2025 wurde über höhere Steuern auf Kapitalerträge diskutiert. Anlegerschützer warnten damals vor zusätzlichen Belastungen für die private Altersvorsorge und einer Schwächung der ohnehin unterentwickelten Aktienkultur.
Timing wird zum entscheidenden Faktor
[…] Die größte Veränderung liegt weniger in der Höhe der Steuer als in ihrem Zeitpunkt. Während Anleger bislang faktisch jedes Jahr im Voraus besteuert wurden, profitieren sie künftig nicht mehr von der zeitlichen Verzögerung der Besteuerung in langen Haussephasen. […]
Zusätzliche Brisanz erhält diese Entwicklung durch jüngste politische Forderungen in Deutschland, Kapitalerträge künftig auch zur Finanzierung der Sozialversicherung heranzuziehen. Eine solche Ausweitung würde die Belastung von Kapitalmarktinvestitionen nicht nur steuerlich, sondern auch beitragsrechtlich verändern und für langfristige Anleger eine weitere Ebene der Unsicherheit schaffen, unabhängig davon, ob Freibeträge vorgesehen wären.
Präzision statt Bequemlichkeit
Die Niederlande bewegen sich auf eines der präzisesten und rechtlich robustesten Systeme der Vermögensbesteuerung in Europa zu. Es ist transparenter und ökonomisch konsistenter, aber auch anspruchsvoller. Die Ära der Besteuerung auf Basis von Annahmen endet. An ihre Stelle tritt ein System, das die Realität der Finanzmärkte widerspiegelt: inklusive Volatilität, Unsicherheit und unbequemer Zahlungszeitpunkte.
Die Reform steht damit exemplarisch für die Konflikte, vor denen viele europäische Staaten stehen: fiskalische Tragfähigkeit, gesellschaftlicher Fairness und die Förderung langfristiger Kapitalbildung. […]
——————-
Unsere neueste BondGuide-Jahresausgabe „Finanzierung im Mittelstand 2025“ kann jetzt vollkommen kostenfrei gelesen und heruntergeladen werden. Daneben können auch unsere weiteren Nachschlagewerke wie bisher als kostenlose E-Magazine bequem heruntergeladen, gespeichert & durchgeblättert werden.
Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !





