mwb Kapitalmarkt-Standpunkt: verkehrte Welt

Der mwb Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank – dieses Mal: Absurditäten…

Wir leben in einer Welt voller ‚Disruption‘ was den dramatischen Wandel durch Innovation beschreibt. Manche Dinge kommen einem aber eher wie Eruption vor und insgesamt führt das zu einer Welt, in der kein Stein mehr auf dem anderen bleibt und vieles auf einmal komplett andersherum läuft, als wir landläufig meinten oder erwartet haben.

Fangen wir zu Hause an. Fangen wir mit dem Wichtigen an: Während der Klimawandel fortschreitet und das Ziel, die Erhitzung des Planeten auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten zu begrenzen – nicht nur praktisch außer Reichweite ist –, stellt man fest: Es reicht auch nicht, um einen katastrophal schnellen Anstieg des Meeresspiegels zu stoppen. Zu diesem Schluss kommt ein Team von der Durham University.

Oh oh….

Währenddessen meldet der Bundesverband eMobilität dem rund 450 Unternehmen angehören, plötzlich Insolvenz an. Das ist ebenso absurd wie die Gründe unklar. Gleichzeitig explodieren die Exporte chinesischer Automobilhersteller nach Deutschland. Und führt die EU ad-absurdum. Waren die Chinesen zunächst vorwiegend mit eAutos am Markt, so hat man in Europa am 31.10.2024 zusätzliche Strafzölle auf rein batterieelektrische PKW aus China eingeführt. Das lief auch nach Plan – nur der Plan war nix. Denn die Chinesen liefern nun einfach Verbrenner. Es ist keine Überraschung, dass die einst so weltweit führenden inländischen KFZ Hersteller hiervon überrascht wurden. Wer sich dieser Tage noch wegen Dieselskandalen vor den Gerichten verantworten muss…

CSU-Innenminister Alexander Dobrindt schielt derweil auf den rechten Rand der Wählerschaft und versucht der illegalen Migration Herr zu werden. In Anbetracht der Wahlergebnisse sicher auf den ersten Blick ein nachvollziehbares Vorgehen. Und feiert sich, da die Zurückweisungen unter Aufstockung der verfügbaren Beamten der Bundespolizei von 10.000 auf 14.000 Beamte gestiegen sind. Nur widerspricht das dem vereinbarten europäischen Vorgehen und hierfür erntete Deutschland massive Kritik der Partnerstaaten.

Foto: © DC Studio – freepik.com

Und wofür wirklich? Die Zahl der Zurückweisungen an der Grenze ist binnen einer Woche um 45% auf 739 Fälle gestiegen, doch die eigentliche Frage lautete: Wie viele Asylbewerber waren darunter? Die Antwort fiel ernüchternd aus: gerade einmal 32. Oder ‚sage und schreibe‘ fünf pro Tag. Dafür treibt man Europa weiter auseinander? Was hat das mit Kapitalmarkt zu tun? Kommt noch. Wartet.

Herr Linnemann kam im Wahlkampf auf die Idee, die Deutschen seien nicht leistungsbereit genug. Und legt auch nach der Wahl nach: „Es gehe manchem nicht mal mehr um Work-Life-Balance, sondern um Life-Life-Balance“. Und wird dann in der jüngsten Sendung von Caren Miosga in Anbetracht von Milliarden geleisteter Überstunden dafür auseinandergenommen und macht ‚schwups‘ eine Rolle rückwärts und kritisiert den von ihm selbst geprägten Begriff der Life-Life-Balance.

Sah schon mal frischer aus….

Gleichwohl macht die neue Regierung erstmal einen stabileren Eindruck als die von Zauderei und Streit geprägte Ampel. Der Bundeskanzler versucht eine dominantere Rolle in der Welt und Europa zu finden. In Anbetracht der Kritik aus Russland scheint ihm das zu gelingen. Auch die Reaktion des israelischen Botschafters bestätigt, dass selbst Deutschland nicht alles kommentarlos geschehen lassen muss. Manche Medien kommentieren die Beschlüsse der Koalition positiv und wir wünschen, sie bekommen Recht. Dass allerdings dem Vernehmen nach der Bürokratieabbau von einer Bürokratieabbaubehörde angegangen werden soll, mutet… skurril an.

Das eruptive Chaos zu verfolgen, mit dem die amerikanische Regierung die Welt überzieht (rund 1.320 Tage noch), ist fast nicht mehr möglich. Absurd, dass Menschen, denen dieser Zollwahnsinn die Existenz kosten wird, MAGA weiterhin wie die Lemminge folgen. Man liest von Farmern, denen FOX News einredet, die Kanadier würden die Zölle zahlen, aber am Ende landen sie auf ihren Kosten. Ihre Verkaufspreise sind allerdings vertraglich gedeckelt, so dass diese Geldvernichtungsmaschine sie zuversichtlich in den Ruin treibt, während die Familie ihres Präsidenten Milliarden scheffelt. Absurd.

Auch dem täglichen Theater des US-Präsidenten rund um den Krieg in der Ukraine kann man kaum noch folgen. Man muss ihn aber an seinen Taten messen und nicht an seinen Worten. Dann ist ziemlich offensichtlich, was der Mann da noch macht: nichts. Und was er bisher getan hat, hat Putin sicher nicht verunsichert. Auch hier sind nun die Europäer gefordert.

Der Angriff auf die heiligsten Bildungsstätten der USA könnte einen Exodus der besten Köpfe aus den USA beschleunigen. Aber bereits vor der US-Wahl gab es zahlreiche Berichte darüber, dass sich zumindest in Deutschland immer mehr Bürokraten finden, die den Zuzug solcher Leute erfolgreich erschweren oder gar abwehren.

Überhaupt führt die ‚Beautiful Big Bill‘, die die Amerikaner nun doch durchgewunken haben, dazu, dass durch die Ausgabenexplosion die Renditen in den USA weiter ansteigen. Der Zinsanstieg der 30jährigen Anleihen auf rund 5% belastet die USA deutlich bei den anstehenden Refinanzierungen des Staatshaushaltes und den parallel anziehenden Hypothekenkrediten.

Der Immobilienmarkt auf der Main Street spürt das bereits. Ausländische Investoren verhalten sich bei den T-Bond-Auktionen zunehmend zurückhaltender. Sollte sich die Versteifung bei den US-Zinsen auch fortsetzen, trifft dies auch die zweite wichtige Käufergruppe: US Banken. Diese sind gefordert, einen hohen Anteil ihrer Bilanz in Treasuries zu halten. Allerdings nicht endlos, dafür sorgt eine Regulierung namens Supplementary Leverage Ratio (SLR), die den Bestand auf ein bestimmtes Verhältnis zum Eigenkapital limitiert.

Wenig überraschend versucht Finanzminister Scott Bessent diese Regel aufzuweichen oder abzuschaffen, damit die erratische US-Schuldenparty erstmal weitergehen kann. Der Katzenjammer dürfte damit aber nur schneller näherkommen. Es heißt, die US-Banken sitzen bereits heute auf 500 Mrd. USD Verlusten aus ihren Beständen in US-Staatsanleihen. Wenn sich das fortsetzt, beginnen die Anleger ihre Einlagen bei US-Banken abzuziehen und die USA schlittern in eine handfeste Bankenkrise.

Die einzige Institution, die das dann eventuell aufhalten kann, ist die FED, deren Chef Powell sich aber dauernder Angriffe der Zauberlehrlinge aus dem Weißen Haus erfreut und dessen Amtszeit im kommenden Jahr endet. Danach wird er sicher durch einen MAGA-Büttel ersetzt werden.

Die globalen Kapitalströme schauen nach Alternativen und wünschen sich, der uneinige Flickenteppich Europa hätte eine tiefere und glaubwürdige Integration. Gleichwohl zeigen die Entwicklungen beim Kurs des US-Dollar und der europäischen Märkte, dass es bereits jetzt zu Reallokationen kommt. Europa muss aber aufpassen, dass es nicht in dieselbe Falle tappt wie die USA. So schrieben renommierte Marktexperten bereits vor einer Woche, was wir hier auch nahezu gebetsmühlenartig wiederholen:

„The accelerating erosion of business ethics in the US. From Buffett to Musk to Trump .You can ignore reality, but you cannot ignore the consequences of ignoring reality.“ (Ayn Rand). You let crooks and liars run the show, expect bad outcomes. Every AfD voter in Germany should be aware.“

Viele Anleger flüchten in Gold und ‚the new Black (Bitcoin);‘ in den USA werden die Gold-ETFs in Bitcoin umgeschichtet als ‚digitaler dezentraler Goldersatz. Wir bleiben bei unserer Auffassung, dass zum einen Investments in Europa die USA weiterhin outperformen werden. Daher dürften die Investments in zahlreiche passive Produkte wie global investierende Aktien-ETFs (die zumeist eine dramatische Übergewichtung in USA haben) scheitern. Aktiv gemanagte Fonds mit gutem Track Record und erfahrenem Management produzieren zwar etwas höhere Kosten, aber das aktive Management sollte in dem Chaos bessere Returns erzielen können als das statisch-passive Management. Jedenfalls unsere Meinung.

Und auch der schon oft totgesagte KMU-Anleihemarkt ist immer noch da und wir verzeichnen erfolgreiche Transaktionen. Zum Teil mit höheren Kupons, die die Risiken auch widerspiegeln. Da erwarten wir noch mehr im Jahresverlauf. Immer einen Blick wert.

Kai Jordan, mwb

Kai Jordan, mwb

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Kontakt und weitere Informationen:

mwb Wertpapierhandelsbank AG
Kai Jordan
Kleine Johannisstrasse 4
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Tel: +49 40-360995-20
E-Mail: kjordan@mwbfairtrade.com

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