
Paukenschlag: Das dänische Parlament hat Donnerstag ein neues Renteneintrittsalter beschlossen. Stufenweise gehen Dänen ab 2040 mit 70 in Rente.
Natürlich ist es ein sensibles Thema: Niemand möchte seine Lebensleistung beschnitten sehen. Dem steht gegenüber, dass die Lebenserwartung stramm Richtung 90 marschiert. Davon die letzten 23 Jahre aus dem zuhöchst defizitären deutschen Rentensystem zu finanzieren, funktioniert schon sehr lange nicht mehr: Schon heute ist das Rentenloch 121 Mrd. EUR schwer – das auf alle Bundesbürger umgelegt, also nichts weniger als subventioniert wird. Wie war das doch gleich mit der Generationengerechtigkeit, zu der man sich verpflichtet hat?
Dänemark hat jetzt vollbracht, was für andere Länder, inklusive Deutschland, zeitnah völlig unmöglich erscheint: eine schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters ab 2030 auf 68, ab 2035 auf 69 und schließlich ab 2040 auf 70 Jahre. Das Gesetz wurde mit 80% Zustimmung verabschiedet.
Die Dänen, die das Renteneintrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung gekoppelt haben, planen mit 15 Jahren Ruhestand. Die Lebenserwartung steigt halt – folglich müsse man Konsequenzen ziehen. Es ist klar, dass dies eigentlich für fast jedes westliche Land gilt. Wenn die LE 90 Jahre erreicht, bedeutet es in der Konsequenz, dass diese Generation bis 75 arbeiten müsste. Für Kinder, die jetzt in den 2020er Jahren geboren werden: sogar ca. 77-78 Jahre bis zum Renteneintrittsalter.
Deutschland liegt also aktuell bis zu zehn Jahre hinter offenen Rentenanspruchs-Rechnungen zurück. Nicht nur Deutschland. Man erinnere sich an die Proteste in Frankreich bei Anhebung auf 64 (?). In Deutschland unter dem letzten Akt Schröders bei Anhebung auf 67. Der weiterhin zu viele Abkürzungen zulässt und daher jedes Jahr riesige Löcher in den Haushalt auftut: Laut Statistik gehen Deutsche im Schnitt immer noch mit nur 64 in den Ruhestand. Diese 121 Mrd. EUR Rentenloch werden auf alle Bürger umgelegt – steigend.
Wer jetzt den beklagenswerten Zimmermann zitiert, der unmöglich mit 70 noch auf Dächern herumturnen könne, muss konsequenterweise auch B sagen: B wie bescheuertes Beispiel, da ganz kleine Berufsgruppe, sowie B wie Beamte. Natürlich gelten für Beamte diverse Sonderregeln, was auch sonst. Warum man bei der Bundeswehr Laufbahn- und verwendungsabhängig zwischen dem 41sten (!) und 62igsten Lebensjahr in den Ruhestand einkehren darf… erschließt sich wohl niemandem außerhalb der Bundeswehr.
Es muss klar sein, dass jede frühzeitige Ruhestandseinkehr auf alle anderen Bürger verteilt wird. Wer den Zimmermann zitiert, muss auch sagen: Ich spende gerne für andere Berufsgruppen. Für besondere Berufsgruppen wird es stets begründete Ausnahmen geben, wie für den Zimmermann. Solange die Summe der Ausnahmen im einstelligen Prozentbereich bleibt, ist das für eine Gesellschaft kein Problem.
Es gibt andere Stellschrauben. Wer weiterhin das REA moniert, muss eine der anderen Stellschrauben drehen. Das wäre eine neuerliche Absenkung des Rentenniveaus von derzeit 48% noch tiefer. Alternativ oder zusätzlich eine Erhöhung der (viel zu niedrigen) Rentenbeiträge von derzeit 20%. Was jüngere Generationen ganz besonders trifft.
20% sind absurd unpassend, und jeder könnte das selbst nachrechnen. 20% in eine nicht rentable Rentenkasse abzuführen, bedeutet, dass man vier Jahre arbeitet und dabei ein Rentenjahr anspart, also Verhältnis 4:1. Tatsächlich aber arbeiten wir 40-45 Jahre, aber leben dann noch (statistisch) 20-25 Jahre. Das Verhältnis ist allenfalls 2,5:1. Und die Beamten sind in der Rechnung noch nicht einmal enthalten oder der Zimmermann, für den man Mitgefühl empfindet. Die Rentenbeiträge müssten realistischerweise 35-40% erreichen, falls man partout kein höheren REA akzeptieren möchte. So viel zu diesen Stellschrauben.
Auch die neue Koalition wird sich nicht ans Rentensystem machen. Dazu fehlen ihr die ‚Eier‘, schielen doch alle schon bange auf Wahlen in vier Jahren. Schröder wurde für die Erhöhung des REA 2005 abgewählt. Das sitzt noch allen in den Knochen. Eine Regierung, die weiß, dass die nächste Legislatur ohne sie stattfinden wird, könnte in einem Akt nationaler Selbstaufopferung noch eine dynamische Entwicklung des Rentenzugangsalters an die steigende Lebenserwartung festschreiben – so dass spätere Regierungen nicht jedes Mal neu beschließen müssen, was Suizid gleichkommt. Es wäre ein echtes Novum. Dänemark hat das gemacht.

Eine Umstellung auf ein 3-Säulen-Modelll bei der Rente wie in der Schweiz erfordert Jahrzehnte – zu langer Planungshorizont für aktuelle Parteien
In Dänemark hat man geschafft, woran die allermeisten EU-Länder scheitern werden – aus schierer Angst vor Abwahl. Wer strategisch denkt, was man Parteien nicht unterstellen darf, würde wissen, dass zuletzt unsere Regierungen stets abgewählt wurden, nicht aktiv gewählt. Wer kommende Saison aussetzen muss, ist schon in weiteren vier Jahren höchstwahrscheinlich wieder am Ball. Aber dieser Planungshorizont ist bereits zu viel für unsere ‚Volksparteien‘. Dass Union und SPD die nächsten vier Jahre weitermachen wollen wie bisher, ist ein denkbar fatales Signal – gerade an jüngere Menschen. Die älteren betreffen Änderungen im Rentensystem eh nicht, trotzdem stimmen sie dagegen – wie bei Schröder 2005. Mit einem Viertel der Stimmen könnten sie etwas bewegen.
Ein Kompromiss könnte endlich ein renditeorientiertes Rentensystem mit mindestens zwei, besser drei Säulen sein. Auch hier machen die Skandinavier wie auch die Schweiz vor, wie man sich zukunftssicher aufstellt. In Deutschland scheint es weiterhin unvermittelbar. Dann eben auf die harte Tour mit weiter wie bisher: Absenkung des Rentenniveaus, da nicht mehr zu halten; Erhöhung der Beitragszahlungen, da erheblich zu niedrig; langfristig Erhöhung des Eintrittsalters und parallel dazu natürlich viel stärkere Ahndung eines zu frühen REA. Und Ausgleich des verbleibenden Rentenlochs wie bisher aus dem Bundeshaushalt – wird schon kein normaler Wähler merken.
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