Ein sehr vorsichtiger Paradigmenwechsel der EZB – Die monatliche Anleihen-Kolumne des Asset Management Teams der Steubing AG

Frankfurter Bulle

In den letzten Tagen haben die geldpolitischen Beschlüsse der EZB das Gefühl vermitteln wollen, dass man sich wieder der Zins-Normalität annähert. Der amerikanische Protektionismus, die direkte Auswirkungen auf die Rohölpreise hat, oder der immer wahrscheinlich werdendere harte BrExit, wird dabei aber zumindest offiziell nicht berücksichtigt.

Der EZB-Rat versichert, dass Leitzinserhöhungen frühestens ab dem Sommer des Jahres 2019 in Frage kommen, falls die (Kern-)Inflationsraten im Euroraum sich konstant bei 2% bewegen. Diese kleine Hintertüre lässt man sich offen. Gleichzeitig reduziert man ab jetzt konstant monatlich den Anleihenaufkauf bis Ende Dezember dieses Jahres und wird ab Anfang nächsten Jahres den Nettoaufkauf komplett einstellen. Aber was heißt das wirklich? Wird sich damit der Anleihenmarkt wieder normalisieren? Wohl eher nicht. Denn Milliarden Euro, die durch auslaufende Anleihen wieder frei werden, werden reinvestiert. Möglichweise nicht nur in italienische, sondern auch in griechische Staatsanleihen, um diese zu stützen. Der Markt wird also weiter mit EZB-Geldern vollgepumpt bleiben.

Davon gehen anscheinend auch die großen (Lebens-)Versicherer wie die Allianz aus. Vor kurzem hat die Versicherung ihre Anlagestrategie verändert und damit auf die anhaltende Politik der EZB reagiert. Massiv wurde die Anlagemöglichkeit in Aktien und alternative Investments auf Kosten von Anleihen erhöht. Insbesondere Pfandbriefe werden im Portfolio gegen Null tendieren. Aktienbestände werden von 10% auf 13 bis 18% erhöht. Nur noch rund 50% sind für Anleihen vorgesehen. Dies kann aber nur ein großer und kapitalstarker Versicherer und Investor so machen, denn nach Solvency II müssen die risikoreicheren Anlagestrategien mit einer höheren Kapitalgarantie abgesichert werden. Es findet bei der Allianz ein deutliches Umschichten von Fremdkapital in Eigenkapital statt.

Kleinere Investoren müssen wegen der Sovency-II-Richtlinien weiterhin auf die Anlageklasse Anleihen zurückgreifen, haben aber das Problem, dass sie die ihren Kunden versprochene Rendite mit einem normalen Anleihemix eben auch nicht erreichen können. Dementsprechend versuchen die Portfoliostrategen dieser Investoren ein Produkt mit einem überschaubaren Risiko, ausgestattet mit einem möglichst hohen Kupon. Viele kleinere Institutionelle- und Retail-Investoren suchen also gleichzeitig dasselbe: die eierlegende Wollmilchsau. Das ist auch einer der Gründe, warum der Niedergang des Marktes für KMU-Anleihen nicht – wie oft beschrieben – mit dem Untergang des Neuen Marktes verglichen werden kann. Das Produkt KMU-Anleihen hat seine Berechtigung. Es ist ein Fremdkapitalinstrument, das einen recht hohen Kupon ausweist. Aber jedem Investor muss klar sein, dass er nicht umsonst einen höheren Kupon gezahlt bekommt.

Ralf Meinerzag, CIO, SGMF I, Steubing AG

Ralf Meinerzag, Steubing

Dennoch sind viele Insolvenzen von KMU in den letzten Jahren zumindest von außen betrachtet nicht nur wegen geschäftspolitischer Unfähigkeiten zustande gekommen, sondern haben das Gefühl vermittelt, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Dies hat sich aber augenscheinlich in den letzten zwei Jahren normalisiert. Emittenten sind transparenter geworden – begleitende Institute scheinen sich ihrer Verantwortung für den Markt bewusster zu sein.

Es ist aber festzuhalten, dass der vorsichtige Paradigmenwechsel in der Zinspolitik der EZB und der in Wirklichkeit weiterhin stattfindende Anleiheaufkauf den Markt für kleine und mittlere Unternehmensanleihen stützt, denn Investoren dürfen oder wollen nicht in Eigenkapital investieren. Der Markt für Fremdkapital ist aus Investorensicht auch weiterhin eher eine trockene und nicht fruchtbare Wüste. Das hat auch die Allianz erkannt.

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