
Europas Börsen halten trotz geopolitischer Risiken und schwacher Konjunktur mit den USA Schritt. Unternehmensgewinne machen Mut.
Die europäischen Börsen zeigen sich erstaunlich widerstandsfähig – trotz geopolitischer Konflikte, enttäuschender Konjunkturprogramme und anhaltender struktureller Schwächen. Enguerrand Artaz, Stratege bei La Financière de l’Échiquier (LFDE), sieht darin vor allem ein Verdienst der Unternehmen.
Dabei waren die Vorzeichen für Europa zu Jahresbeginn zunächst günstig: eine weiterhin deutliche Bewertungslücke zu den USA, wieder zunehmende Kapitalzuflüsse, deutsche Konjunkturprogramme und eine nachlassende Inflation. Inzwischen hat sich das Bild eingetrübt. Der Iran-Krieg hat die Desinflation ausgebremst, Europa bleibt stark von Energieimporten abhängig und die erhofften Reformen nach dem Draghi-Bericht kommen nur schleppend voran. Auch der technologische Rückstand bei Künstlicher Intelligenz bleibt offensichtlich.
Gewinne sprechen für Europa
Umso bemerkenswerter ist die Börsenentwicklung: Seit Jahresbeginn liegt der EuroStoxx 50 mit 14% nur knapp hinter dem S&P 500 mit 14%. Zugleich haben sich die Gewinnperspektiven zuletzt verbessert. Die Unternehmensergebnisse des zweiten Quartals lagen außerhalb des Energiesektors 11% über Vorjahr. Einschließlich Energie betrug das Gewinnplus sogar 23%.
Auch die Analysten werden optimistischer: Die Unternehmensziele wurden so stark angehoben wie seit Ende 2022 nicht mehr. Gleichzeitig kehren die Kapitalzuflüsse zurück und nähern sich laut Goldman Sachs den Rekordständen von 2021.
Davon profitieren zunehmend Small und Mid Caps sowie prozyklische Werte. Selbst der angeschlagene Automobilsektor verzeichnete Zuwächse. Für Artaz zeige sich darin, dass europäische Unternehmen durchaus wettbewerbsfähig bleiben können – auch ohne den Rückenwind der KI.
Europa muss sich selbst helfen
Das größte Hindernis sei allerdings Europa selbst. Die schleppende Umsetzung des Draghi-Berichts, politische Lähmung und regulatorische Komplexität bremsten die wirtschaftliche Entwicklung. Hinzu kämen aus Sicht von Artaz eine zu restriktive EZB sowie Schwierigkeiten beim Schutz strategischer Industrien vor chinesischer und amerikanischer Konkurrenz.
Gleichzeitig drohe angesichts der Probleme einzelner Mitgliedstaaten, allen voran Frankreich, erneut das Thema Staatsschuldenkrise auf die Agenda zu rücken.
Trotz dieser Belastungen hätten die europäischen Unternehmen ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit bewiesen. Für Artaz stellt sich daher die Frage, welches Potenzial die europäischen Aktienmärkte entfalten könnten, wenn die politischen und regulatorischen Fesseln tatsächlich gelockert würden.
Enguerrand Artaz ist Stratege bei La Financière de l’Échiquier (LFDE). Die 1991 gegründete französische Vermögensverwaltungsgesellschaft ist seit 2023 Tochtergesellschaft von LBP AM und verwaltet nach eigenen Angaben mehr als 26 Mrd. EUR.
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