Messen als Research-Baustein: wie Anleger Fachmessen in München professionell zur Investment-Strategie nutzen können

Fachmessen sind in vielen Branchen Seismografen für Stimmung, Innovationen und Investitionsbereitschaft. Von Robert Steininger*

Für institutionelle und private Anleger sind große Messen eine hervorragende Möglichkeit, direkt mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern, Projekten und Markttrends in Kontakt zu treten und so klassische Research-Quellen sinnvoll zu ergänzen.

Messen als Ergänzung zu klassischen Research-Quellen

Die klassische Investment-Analyse stützt sich auf Geschäftsberichte, Ad-hoc-Mitteilungen, Analystenstudien und Datenbanken. Dieses Fundament ist wichtig, blendet jedoch häufig einen sehr wichtigen qualitativen Teil aus, z.B. zur Stimmung am Markt, zur Umsetzungsfähigkeit von Strategien oder zur Qualität des Managements. Hier können Fachmessen als Baustein eines aktiven Research-Ansatzes dienen, der der direkten Beobachtung und Gesprächen einen strukturierten Platz in der Analyse einräumt.

Fachmessen mit Potenzial zu mehr

Die EXPO REAL 2025 zeigt, wie wichtig diese Plattformen sind. Auf dem Münchener Messegelände präsentierten sich 1.742 Aussteller aus 34 Ländern und rund 42.000 Teilnehmende aus über 70 Ländern, um es vor allem um Lösungen für bezahlbaren Wohnraum und die Stabilisierung der Immobilienmärkte. Für Anleger, die etwa in Immobilienaktien, -anleihen oder -fonds investieren, eröffnet eine solche Messe Einblicke in Projektpipelines, Finanzierungsstrukturen und regionale Markttrends, die es in dieser Dichte nur schwer woanders gibt.

Ähnlich funktioniert die IFAT Munich in der Messe München im Bereich Umwelttechnologien. Die Weltleitmesse für Wasser‑, Abwasser‑, Abfall‑ und Rohstoffwirtschaft verzeichnete rund 142.000 Besucher aus nahezu 170 Ländern sowie 3.211 Aussteller auf 300.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Themen wie Wasseraufbereitung, Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz sind zugleich Kernfelder für Green Bonds und Impact-Investments. Wer diese Schnittstelle versteht, kann Messeeindrücke systematisch in die Bewertung nachhaltiger Geschäftsmodelle einfließen lassen.

Branchenspezifische Beispiele von Umwelttechnik bis Immobilien

Für Immobilieninvestoren ist die EXPO REAL ein naheliegender Referenzpunkt. Neben Projektentwicklern, Kommunen und Finanzierern sind dort auch Berater, Technologieanbieter und PropTech-Unternehmen vertreten. Aus Anlegersicht lassen sich mehrere Fragestellungen bearbeiten: Welche Segmente der Immobilienwirtschaft senden Stabilitätssignale, etwa Logistik, Wohnen oder Spezialimmobilien? Wie reagieren Marktakteure auf Zinsniveau, ESG-Regulierung und Anforderungen an Energieeffizienz? Welche Städte oder Regionen machen sich mit welchen Projekten und Finanzierungsansätzen bemerkbar?

Panels und Diskussionen geben Hinweise, welche Themen in den nächsten Jahren auf die Bewertungsmodelle drücken könnten, z.B. strengere Klimavorgaben, Förderprogramme für energetische Sanierungen oder neue Formen der Quartiersentwicklung. Diese qualitativen Eindrücke ergänzen dann Miet- und Kaufpreisstatistiken, Kapitalisierungssätze und Verschuldungskennzahlen.

Expo Real - Jahrgang nicht bekannt

Expo Real – Jahrgang nicht bekannt

Im Umwelttechnikbereich bietet die IFAT Munich vergleichbare Ansatzpunkte. Die Rekordbeteiligung 2024 mit 3.211 Ausstellern und 142.000 Fachbesuchenden belegt das weltweite Wachstum in Bereichen wie Wasser‑ und Abfallwirtschaft. Start-up-Areale und Innovationsforen zeigen frühe Geschäftsmodelle, wie etwa zur Digitalisierung der Wasserinfrastrukturen oder zu neuen Möglichkeiten der stofflichen Verwertung von Abfällen. Zu den dort beobachtbaren Aspekten für Impact-orientierte Strategien zählen:

Welche Technologien überzeugen auch internationale Abnehmer? Wo gibt es noch Pilotprojekte?

Welche Geschäftsmodelle setzen auf wiederkehrende Serviceumsätze wie etwa „Water-as-a-Service“ oder Anlagenbetrieb?

– Wie positionieren sich etablierte Unternehmen zu jüngeren Marktteilnehmenden?

Fachleute für aktives Nachhaltigkeitsresearch können die Messe darüber hinaus nutzen, um qualitative Indikatoren zu bewerten, etwa Innovationskraft, Kooperationsnetzwerke oder die Glaubwürdigkeit von Klimazielen. Diese Eindrücke lassen sich im Nachgang mit ESG-Ratings, CO2-Kennzahlen und Offenlegungsberichten abgleichen.

Rohstofforientierte Anleger haben spezielle Formate wie die Rohstoffmesse München, bei der Explorations- und Förderunternehmen ihre Projekte vorstellen. Hier stehen Fragen zu politischen Risiken, Projektfortschritt und Kostenstrukturen im Vordergrund, die sich im persönlichen Dialog mit dem Management präziser einordnen lassen.

Praktische Schritte für eine systematische Messe-Strategie

Damit Messebesuche über lose Eindrücke hinaus helfen, empfiehlt sich ein systematisches Vorgehen. Aus der Research-Perspektive lassen sich drei Phasen unterscheiden: Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung.

In der Vorbereitung ist die Auswahl der Messe eng mit der Investmentstrategie zu verknüpfen. Für eine auf europäische Immobilienanleihen fokussierte Strategie ist die EXPO REAL die Messe der Wahl, nicht eine beliebige Konsumgütermesse. Für Green-Bond-Portfolios mit Fokus auf Wasser- oder Abfallprojekte ist eher die IFAT das geeignete Format. Auf Grundlage der Aussteller- und Programmverzeichnisse wird eine Liste mit Prioritäten angelegt, nach Relevanz für das eigene Portfolio bzw. die Watchlist geordnet: welche Unternehmen, welche Panels, welche Themen.

Messestrukturierte Gesprächsleitfäden helfen, zentrale Punkte abzufragen:

– Was ist das Geschäftsmodell?

– Was sind die Umsatztreiber der nächsten Jahre, Investitions- und Finanzierungspläne?

– Wie geht man mit regulatorischen Änderungen wie EU-Taxonomie, CSRD oder nationalen Klimazielen um?

– Wo sieht man Risiken wie Lieferketten, Rohstoffpreise, Zinsentwicklung?

Die Gespräche sollten protokolliert werden, mindestens kurz in Stichpunkten, um sie dann mit den veröffentlichten Zahlen abgleichen zu können. Panels und Vorträge geben Ergänzungen, z. B. zur Markteinschätzung von Banken, Verbänden und Behörden.
In die Nachbereitung fließen die Eindrücke ins bestehende Research ein. Ein Ansatzpunkt, der sich aus der Nachhaltigkeitsforschung ableitet, ist der folgende: Wir unterscheiden zwischen passivem und aktivem Research. Passives Research nutzt Indizes und Datenbanken, aktives Research ergänzt diese Information um eigene Marktbeobachtungen und Gespräche.

Messeerkenntnisse zählen zum aktiven Research. Sie können dazu genutzt werden, bestimmte Annahmen in unseren Bewertungsmodellen zu verändern, zum Beispiel Wachstumsraten, Margenerwartungen oder Diskontsätze.

Beispiele: Wenn auf der EXPO REAL alle einig sind, dass bestimmte Projektarten wegen gestiegener Baukosten und Zinsen nur noch unter bestimmten Bedingungen rentabel sind, können wir zögerlicher bei unseren Annahmen in genau diesen Subsegmenten werden. Wenn die IFAT zeigt, dass bestimmte Umwelttechnologien jetzt auch von Kommunen und Industrie viel stärker nachgefragt werden als wir bislang angenommen haben, kommen wir vielleicht zu einer neuen Bewertung des Potenzials einzelner Unternehmen oder Anleihen im Bereich „grüne Infrastruktur“.

Für institutionelle Anleger lässt sich dieser Prozess einfach in interne Richtlinien umsetzen. Für bestimmte Sektoren können dann regelmäßige Messebesuche und Managementgespräche als Bestandteil des Research-Prozesses festgelegt werden. Für private Anleger ist das viel schwieriger zu realisieren, aber eine abgespeckte Lösung ist einfach möglich: Ein Messebesuch alle ein bis zwei Jahre, bei dem das Bild von Markttrends und Geschäftsmodellen einfach mal aktualisiert wird, ist sehr empfehlenswert.

*) Robert Steininger ist Fachautor für u.a. Anlagestrategien und publiziert regelmäßig zu Fachthemen wie Online- und Investment-Strategien, Glücksspielthemen, Krypto und Verhaltensanalyse.