Mittelstand und Börse – Match oder Mismatch?

Peter Liepolt

Passen Mittelstand und Börse zusammen? Sind die Börsen für den Mittelstand richtig aufgestellt? Sind die Mittelständler offen für Börsenthemen?

Auf den ersten Blick erscheint es logisch: Börse und Mittelstand gehören eigentlich zusammen. Der Mittelstand bildet das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Mittelständische Unternehmen profitieren im Gegensatz zu Banken oder gar einzelnen Staaten nicht von Rettungsschirmen und staatlichen Hilfen. Der Mittelstand ist auf sich gestellt. „Kapital sucht Ideen – Ideen suchen Kapital“, so hieß der Slogan des nicht mehr existierenden Neuen Marktes. Der Slogan hat aber nach wie vor Gültigkeit, auch und insbesondere auf den Mittelstand bezogen. Der Mittelstand sollte also verstärkt auch den organisierten Kapitalmarkt für Finanzierungsfragen in Anspruch nehmen; die Börsenplätze ihrerseits müssen sich dazu auf den Mittelstand zubewegen. Basel III und Krise akzelerieren diese Notwendigkeit.

Von beiden Seiten gibt es jedoch Hemmnisse. Nach einer Studie von BGP – Bohnert Group of Partners und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum Thema „Mittelstandsfinanzierung über den öffentlichen Kapitalmarkt“ weist knapp die Hälfte der befragten Unternehmen einen Refinanzierungsbedarf auf, der über 10 Mio. EUR liegt. 16% haben einen Kapitalbedarf von mehr als 25 Mio. EUR. Nicht gewünscht sei eine Änderung in der Eigentümerstruktur. Als Konsequenz beschaffen sich Mittelständler Geld als Fremdkapital. Seit geraumer Zeit bieten die deutschen Börsen genau dazu entsprechende Segmente. „Mittelstandsanleihe“ heißt das Zauberwort. Beschäftigt man sich näher mit dem Thema, dann fällt auf, dass nur die Deutsche Börse mittelstandsopportun keine Vorgabe hinsichtlich der Emissionsvolumina macht. Natürlich hat aus Kostengründen die Begebung einer solchen Anleihe erst ab einer gewissen Größe Sinn. Gleichzeitig wird kommuniziert, dass eine Mittelstandsanleihe für Unternehmen mit einem Umsatz von 50 Mio. bis 10 Mrd. EUR passend sei. Hier findet sich das Gros der Mittelständler nicht wieder. Selbst Unternehmen, die im Prime Standard der Deutschen Börse gelistet sind, haben mitunter einen Jahresumsatz, der nicht an die empfohlene Grenze heranreicht. Mit anderen Worten: Viele der Prime-Standard-Unternehmen passen ob ihres Jahresumsatzes nicht in das Schema zur Begebung einer Mittelstandsanleihe im Entry Standard.

Die Voraussetzungen, Mittelstand und Kapitalmarkt im Sinne der deutschen Realwirtschaft näher zusammenzubringen, waren nie so gut wie heute. Dazu müssen sich beide Gruppen, die Player des Kapitalmarktes und auch die mittelständischen Unternehmen in ihrer Einstellung und Sprache annähern. Die Protagonisten des Kapitalmarktes und die mittelständischen Unternehmen müssen in einen echten Dialog treten, um sich gegenseitig besser zu verstehen und gemeinsam passende Segmente mit sinnvollen Kriterien schaffen. Davon profitieren alle: Match!

Von Peter Liepolt, Geschäftsführer, Liepolt Stumpf GmbH
Ursprünglich erschienen im GoinPublic Magazin 07/2012