
Die in der Nacht zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August veröffentlichte Liste neuer Zollmaßnahmen gegenüber der Schweiz kam überraschend. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Zölle sind erheblich. Sollte der Satz von 39% vollständig greifen, würde der gewichtete Durchschnittszoll auf Schweizer Exporte von derzeit 6 auf über 16% steigen, vorausgesetzt, Pharma und Gold bleiben weiterhin ausgenommen. Ein solcher Anstieg würde die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Industrie deutlich schwächen. Mittelfristig werden die Auswirkungen groß sein. Der Freihandel mit den USA scheint vorüber und die Schweiz dürfte sich beim Handel an die EU annähern. Der aktuelle Marktkommentar von Dr. Matthias Ramser, Chief Investment Officer (CIO) bei Reichmuth & Co Privatbankiers:
Besonders betroffen sind exportorientierte Unternehmen, vor allem kleinere und mittlere Betriebe, die sich stark auf den US-Markt fokussieren. Die Zölle werden kaum von den Unternehmen selbst getragen werden können, sondern dürften über höhere Preise an die Kunden weitergegeben werden, was wiederum die Nachfrage belastet. Zyklische Branchen wie Maschinenbau, Präzisionstechnik und die Uhrenindustrie stehen besonders unter Druck.
Hektische Anpassungen nicht zielführend
Unsere Positionierung bei den Schweizer Aktienanlagen passen wir nicht abrupt an. Gerade im Bereich der Nebenwerte rechnen wir zu Wochenbeginn aber mit sensiblen Kursreaktionen. Viele dieser Titel sind wenig liquide, weshalb hektische Verkäufe nicht zielführend wären. Wir werden daher nicht prozyklisch verkaufen, sondern bei Übertreibungen gezielt Anpassungen vornehmen, um die Qualität im Portfolio selektiv zu verbessern und Positionsgrößen gegebenenfalls anzupassen.
Auch bei Schweizer Dividendenaktien verfolgen wir dieses Vorgehen. Bei den Pharmaschwergewichten Roche und Novartis bleiben wir weiterhin engagiert. Die Unsicherheit über mögliche Zölle auf Pharmaprodukte und politische Interventionen in den USA spricht gegen eine Aufstockung dieser Positionen.
Strukturell starke Unternehmen bleiben langfristig attraktiv
Viele von uns gehaltenen Schweizer Unternehmen produzieren nicht direkt in der Schweiz für den US-Markt, sondern verfügen über lokale Produktionsstätten in den USA oder exportieren aus anderen Regionen der Welt. Der für die Schweiz geltende Zollsatz greift also nicht flächendeckend. Zudem halten wir auch Unternehmen, die gar nicht von US-Zöllen betroffen sind, etwa Galenica im Gesundheitsbereich oder Holcim, das kürzlich sein Nordamerikageschäft unter dem Namen Amrize separat an die Börse gebracht hat. Strukturell starke Unternehmen mit hohen Markteintrittsbarrieren dürften nur kurzfristig unter Druck geraten. Ihre Marktstellung und technologische Führerschaft sichern ihnen langfristig Wettbewerbsvorteile, auch in einem herausfordernden Umfeld. Auf solche Unternehmen gilt es zu setzen.
Verhandlungslösung noch möglich
Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweiz mit politischen Herausforderungen zu kämpfen hat. Mittel und langfristig wird man auch diese Herausforderung meistern, umso mehr als der internationale Druck die innenpolitischen Kräfte auch einigen kann. Ein durchaus realistisches Szenario ist, dass in den verbleibenden Tagen bis zum 7. August noch eine Lösung mit den USA gefunden wird. Die Schweiz steht weiterhin in engem Kontakt mit den zuständigen US-Stellen, und der Bundesrat strebt nach wie vor eine Verhandlungslösung an. Die Hoffnung auf eine Einigung in letzter Minute bleibt also bestehen, zumal Präsident Trump in der Vergangenheit Zollmaßnahmen auch kurzfristig angepasst oder ausgesetzt hat. Bis dahin dürfte der Schweizer Aktienmarkt jedoch nervös und volatil bleiben.
Zum Hintergrund:
In der Nacht zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste mit neuen Zollmaßnahmen. Ab dem 7. August 2025 sollen Einfuhrzölle von 39% auf Schweizer Produkte gelten. Dieser Satz übersteigt die bisher geltenden 10% deutlich und liegt sogar über den im April am sogenannten „Liberation Day“ angekündigten 31%. Noch vor wenigen Wochen schien eine Einigung greifbar, denn ein unterschriftsreifer Entwurf für eine gemeinsame Absichtserklärung lag vor und wurde vom Bundesrat schon am 4. Juli genehmigt. Präsident Trump entschied sich jedoch anders und verwies auf ein angeblich „riesiges“ Handelsbilanzdefizit von 40 Mrd. USD.
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