„Granularer Zugang zu Rohstoffinvestments heute keine Option mehr, sondern notwendig“

Rohstoffinvestments werden differenzierter: Neue Indizes spiegeln strukturelle Marktveränderungen und gezieltere Anlegerbedürfnisse wider. Dazu sprach BondGuide mit Bloombergs Indexexpertin Jigna Gibb*.

<< aus BondGuide 09-2026 vom 1. Mai >>

BondGuide: Jigna, Bloomberg hat kürzlich stärker segmentierte Rohstoffindizes eingeführt – was war der Haupttreiber dafür? Kam das vor allem von Kundenseite oder gab es marktseitige Entwicklungen?
Gibb: Es war sowohl durch Kundennachfrage als auch durch tiefgreifende strukturelle Veränderungen im Markt getrieben. Als der BCOM vor etwa 28 Jahren entwickelt wurde, konzentrierte sich der Großteil des Rohstoffhandels auf nordamerikanische Börsen. Drei Jahrzehnte später haben sich völlig neue Handelszentren entwickelt, insbesondere in Europa und Asien. Investoren betrachten Rohstoffe nicht mehr als eine einheitliche Anlageklasse, sondern wollen zunehmend gezielt auf bestimmte Marktsegmente zugreifen. Gleichzeitig sehen wir divergierende Entwicklungen in den einzelnen Rohstoffsektoren, getrieben durch unterschiedliche Faktoren – etwa Geopolitik, Angebotsengpässe oder die Energiewende. Das macht einen granulareren Ansatz nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

BondGuide: Beobachten Sie, dass Investoren sich von breiten Rohstoffindizes entfernen und stärker einzelne Sektoren wie Energie oder Metalle auswählen?
Gibb: In gewissem Maße ja. Breite Indizes erfüllen weiterhin einen Zweck, insbesondere für Diversifikation, werden aber zunehmend durch gezieltere Allokationen ergänzt. Energie ist ein gutes Beispiel, da dieser Bereich stark auf geopolitische Entwicklungen und Angebotsstörungen reagiert. Gleichzeitig stoßen Metalle – insbesondere Industrie- und Batteriemetalle im Kontext von Elektrifizierung und Infrastruktur – auf großes Interesse. Insgesamt sehen wir eine Verschiebung hin zu aktiveren Allokationsentscheidungen innerhalb der Rohstoffe.

BondGuide: Mit Blick auf 2026: Welche Rohstoffbereiche stechen derzeit besonders hervor – und wo könnte sich die Dynamik abschwächen?
Gibb: Energie bleibt ein zentraler Fokus, nicht zuletzt aufgrund geopolitischer Unsicherheiten und teilweise knapper Angebotslagen. Auch Industriemetalle stechen weiterhin hervor, insbesondere solche, die für die Energiewende entscheidend sind, wie etwa Kupfer. Diese profitieren von langfristiger struktureller Nachfrage. Bereiche mit starkem Preisanstieg könnten sich hingegen stabilisieren, wenn sich das Angebot verbessert oder die Nachfrageerwartungen nachlassen. Auch die Landwirtschaft bleibt ein wichtiger Bereich, da sie stark von klimatischen und geopolitischen Faktoren beeinflusst wird.

BondGuide: Welche Rolle spielen geopolitische Faktoren wie Lieferketten oder der Zugang zu kritischen Rohstoffen bei der Indexkonstruktion?
Gibb: Geopolitik ist ein immer wichtigerer Hintergrundfaktor. Die Indexkonstruktion selbst bleibt regelbasiert und transparent, aber die Relevanz einzelner Rohstoffe hat sich deutlich verändert. Lieferkettenprobleme, Handelsrestriktionen und regionale Konzentrationen der Produktion beeinflussen das Verhalten der Investoren. Ein Beispiel: In unseren BCOM Global Singles ist Murban-Rohöl enthalten, das in Abu Dhabi produziert und in Fujairah verladen wird. Am 16. März wurde dieser Umschlagpunkt angegriffen, was zu einem Stopp der Verladungen und einem deutlichen Preisanstieg führte. Gleichzeitig wurde WTI Midland aus den USA mit einem Aufschlag gehandelt, da es als sicherer gilt. Solche Entwicklungen prägen die Nachfrage nach bestimmten Exposures.

BondGuide: Sehen Sie thematische Indizes wie Energiewende oder kritische Rohstoffe eher als langfristiges Investment oder als taktisches Instrument?
Gibb: Wir betrachten diese Themen klar als langfristig. Die Energiewende ist ein mehrjähriger, eher jahrzehntelanger Prozess, der die Rohstoffnachfrage nachhaltig verändert. Vor etwa einem Jahr haben wir unseren Global Transition Metals Index aufgelegt, um Investoren einen transparenten Zugang zu diesem strukturellen Wandel zu ermöglichen. Gleichzeitig können solche Indizes auch taktisch genutzt werden, je nach Marktlage – die zugrunde liegenden Treiber sind jedoch eindeutig langfristig.

BondGuide: Macht diese zunehmende Differenzierung Rohstoffinvestments komplexer oder eher gezielter steuerbar?
Gibb: Sie erhöht die Auswahlmöglichkeiten und damit auch die Komplexität, bietet aber gleichzeitig mehr Flexibilität. Investoren können ihre Allokationen viel genauer auf ihre Ziele abstimmen. Statt sich auf breite Indizes zu verlassen, lassen sich verschiedene Bausteine kombinieren – etwa thematische Indizes oder spezifische Rohstoffsegmente. Das ermöglicht eine präzisere Portfolioallokation.

BondGuide: Gibt es Annäherungen zwischen Rohstoffen und digitalen Assets?
Gibb: Derzeit bleiben es weitgehend getrennte Anlageklassen mit unterschiedlichen Treibern. Rohstoffe werden primär durch physische Angebots- und Nachfragefaktoren bestimmt, während digitale Assets ganz anders funktionieren. Allerdings werden beide zunehmend im Rahmen alternativer Anlagen zur Diversifikation gemeinsam betrachtet.

BondGuide: Gibt es Bereiche im Rohstoffmarkt, die Ihrer Ansicht nach noch unterschätzt werden?
Gibb: Die Bedeutung kritischer Rohstoffe ist aus unserer Sicht noch nicht vollständig eingepreist. Es gibt zwar zunehmendes Bewusstsein für Metalle, die für Elektrifizierung und Energiewende entscheidend sind, doch Angebotsengpässe und lange Vorlaufzeiten werden häufig unterschätzt. Das dürfte auch in den kommenden Jahren ein zentrales Thema bleiben.

BondGuide: Jigna, vielen Dank für das Gespräch!

Jigna Gibb, Expertin u.a. für Rohstoffinvestments

Jigna Gibb, Expertin u.a. für Rohstoffinvestments

Interview: Falko Bozicevic

*) Jigna Gibb ist Head of Commodities and Crypto Index Products bei Bloomberg, einem weltweit führenden Anbieter von Finanzdaten, Indizes und Marktanalysen.

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