Zinsen: Was wir von den Pinguinen lernen können! Kommentar von Vermögensverwalter Wolfgang Juds

Wolfgang Juds; CREDO Vermögensmanagement
Quelle: panthermedia.net/Ben Goode

Die Zinsen sind auf Rekordtief – die Aktienkurse hingegen stehen auf einem Allzeithoch – doch für viele Anleger wächst der Anlagedruck, mehr aus ihrem Geld zu machen, weil sie die Entwicklungen noch von der Seitenlinie aus betrachten. Die Gefahr von Fehlentscheidungen wächst. Wie können  Anleger richtige Entscheidungen treffen und was hat das mit der Tierwelt zu tun?

Wie können Anleger angesichts dieses schwierigen Marktumfeldes überhaupt richtige Entscheidungen treffen? Welche Parameter sind für die Entscheidung hilfreich undwelche führen in die Irre? Aktuell ist dies besonders schwierig, weil die Kapitalmärkte durch die ultralockere Politik der Notenbanken verzerrt sind. Manche Marktteilnehmer sprechen ganz offen von einer Manipulation der Märkte, denn ohne das Eingreifen der Notenbanken, welches durchaus sinnvoll und notwendig ist,  würden die Zinsen deutlich höher stehen. Da die Zinsen offenkundig für die Sparer zu niedrig sind, sehen die Aktien auch dann noch relativ attraktiv aus, wenn sie eigentlich bereits teuer sind.

Wie verhalten sich Verbraucher normalerweise?  
Klassischerweise informieren sich Verbraucher vor ihren Kaufentscheidungen, indem sie Testhefte lesen oder sich Verbrauchersendungen ansehen. In den letzten Jahren hat sich das Internet als Informationsmedium durchgesetzt. Dort finden Verbraucher viele Tipps und Hinweise und haben gute Vergleichsmöglichkeiten. Nur bei den Kapitalanlagen hilft dies nicht viel, weil in den Vergleichen von Investmentfonds oder anderen Vermögensanlagen häufig die Ergebnisse der Vergangenheit betrachtet werden. Aber die Vergangenheit nützt dem Anleger nichts, wenn er nicht investiert ist – daraus die Zukunft abzuleiten ist schwierig und mit hoher Ungewissheit behaftet.

Wäre der Rat eines Experten hilfreich?
Leider sind die Ergebnisse von Experten leider oft enttäuschend, weil sie die Zukunft auch nicht vorhersehen können. Wo liegt ihre Stärke? Experten sind hervorragend in der Analyse komplexer Sachverhalte der Vergangenheit. Nehmen Sie die Börsensendungen im Fernsehen: Am Abend wissen die Experten immer, warum etwas eingetreten ist – warum Aktien gestiegen oder gefallen sind – am nächsten Morgen wissen sie aber genauso wenig wie alle anderen, weil die die Zukunft auch nicht kennen. Hier werden falsche Erwartungen an Menschen aufgebaut, die sich am Ende nicht erfüllen lassen.

Mit der Vorhersage von Aktienkursen ist es ähnlich wie mit den Tipps für die Fußball-Bundesliga. Ob die Bayern oder ob Dortmund gewinnen, ist noch recht gut zu tippen. Aber ob Freiburg gegen Eintracht Braunschweig oder Augsburg gegen Mainz gewinnt, ist deutlich schwieriger zu prognostizieren. Was ist wenn wir etwa gleichstarke Mannschaften haben?

Was wir von den Pinguinen lernen können?
Eine Geschichte von Eckhard von Hirschhausen hat mich zum Nachdenken gebracht. Er hat bei einem Zoobesuch über die Pinguine nachgedacht und sie zunächst als „Fehlkonstruktion“ angesehen. Pinguine haben zu kurze Flügel, zu kurze Beine und einen zu dicken Bauch. Aber dann hat er gesehen, wie die Pinguine trotz ihres Körperbaus geschwommen sind – und war beeindruckt! Er hat seine Einstellung revidiert und daraus zwei Lektionen abgeleitet.

Lektion 1: Vorsicht bei zu schnellen Urteilen!

Lektion 2: Es kommt auf bei den Pinguinen auf die richtige Umgebung an. Pinguine in der Wüste hätten Schwierigkeiten zu überleben. In der Antarktis jedoch haben sie ein ideales Umfeld und kommen dort gut zurecht.

Was bedeutet dies für die Vermögensanlage?
Die Anleger brauchen eine Portfolio-Konstruktion, die schwimmen kann!  Die Zusammensetzung kann komisch aussehen – mit einem dicken Bauch und zu kurzen Flügeln. Aber die Konstruktion muss tragfähig sein und den zukünftigen Marktherausforderungen Stand halten können.

Sparer müssen ihre Wertmaßstäbe überdenken. Sie müssen bei der Geldanlage die Steuern und die Inflation berücksichtigen. Wenn ihr Anlageziel mindestens ein realer Kapitalerhalt ist, geht das nicht  ohne das bewusste Eingehen von Risiken. Bei einem langfristigen Anlagehorizont von mehr als 5 Jahren müssen Anleger lernen, mit Wertschwankungen zu leben. Sie haben die Wahl zwischen einem „sicheren“ Abschmelzen der Kaufkraft ihres Vermögens oder dem „unsicheren“ Eingehen von Risiken mit der Chance auf höhere Erträge. Welche Entscheidung die bessere ist, lässt sich leider vorher nicht sagen.

Diese Entscheidung muss jeder Sparer für sich treffen. Wenn wir jedoch über Verlusttoleranz sprechen, ist mit Verlust eine Kapitalvernichtung gemeint – und nicht die Schwankungen von Vermögenswerten im Zeitablauf. Aktien und Immobilien sind Sachwerte. Der Wert bildet sich durch Angebot und Nachfrage. Wenn der Anleger die Zeit hat, ist er gut beraten, nach klaren Regeln zu agieren. Er sollte ein Depot aufbauen, welches in verschiedene Anlageklassen investiert und somit eine Risikostreuung vornehmen. Außerdem sollte er nach klaren Regeln handeln und antizyklisch handeln: Kaufen, wenn die Preise billig sind und verkaufen, wenn die Preise teuer sind. Außerdem hilft es, langfristig zu denken: Die Erfahrung zeigt, dass es an den Kapitalmärkten nicht nur eine Richtung gibt. Kurse können steigen und fallen – aber der Anleger kann klug darauf reagieren. Er kann die Aktienquote sukzessive abbauen, je höher die Kurse steigen und sie wieder aufbauen, wenn die Kurse fallen. Es ist wie bei den Pinguinen: Ein gut strukturiertes Depot muss schwimmen können, auch wenn es einen dicken Bauch und kurze Flügel hat!

 

Wolfgang Juds
CREDO Vermögensmanagement GmbH