„Unser sehr umfassendes Informationsangebot wird zu wenig genutzt“

Thomas Dierkes, Vorstand der Börse Düsseldorf

Nach dem guten Start im letzten Jahr hat das Mittelstandssegment der Börse Düsseldorf 2012 gegenüber dem Frankfurter Entry Standard und dem Stuttgarter Bondm an Boden verloren. BondGuide sprach mit Vorstand Thomas Dierkes über die Gründe für die Flaute, die Gefahr einer Überhitzung des Marktes sowie das Pro und Contra strengerer Regelwerke.

Interview mit Thomas Dierkes, Vorstand, Börse Düsseldorf AG

BondGuide: Der mittelstandsmarkt gilt als Hochburg für Anleihen von Markenartiklern und Lebensmittelherstellern. Warum ist das so?
Dierkes: Die markenstarken Emittenten, die sich im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihren Kapitalmarktpartnern für den mittelstandsmarkt entschieden haben, waren überzeugt von unserem qualitativen Ansatz. Bei den nachfolgenden Emissionen hatte das sicherlich auch etwas mit „Gleich und gleich gesellt sich gern!“ zu tun. In Gesprächen mit potentiellen Emittenten rate ich immer dazu, sich genau anzuschauen, welche Emissionen in einem Marktsegment bereits vorhanden sind und sich gut zu überlegen, mit wem man über die Laufzeit der Anleihe gemeinsam wahrgenommen werden möchte.
 
BondGuide: Underberg war 2011 ihre erste Anleihe, sind Sie bisher mit dem Interesse mittelständischer Unternehmen an einem IBO in Düsseldorf zufrieden?
Dierkes: Nach der Ankündigung des mittelstandsmarktes im November 2010 wurde Ende März 2011 mit Underberg die erste Anleihe erfolgreich platziert. Das Jahr lief mit insgesamt neun Bonds recht gut. 2012 blieb mit den fünf Anleihen Seidensticker, MT-Energie, friedola, Zamek und Hahn zugegebenermaßen hinter unseren Prognosen zurück.
 
BondGuide: Gegenüber dem Entry Standard der Börse Frankfurt und dem Bondm in Stuttgart ist der mittelstandsmarkt 2012 ins Hintertreffen geraten. Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?
Dierkes: Der wesentliche Grund liegt darin, dass der mittelstandsmarkt das einzige der drei Segmente ist, an dem es mit BB eine Mindestanforderung an das Rating gibt. Führt der Ratingprozess zu einem schlechteren Ergebnis, ist die Tür zum mittelstandsmarkt schlicht und ergreifend zu, Ausnahmen von dieser qualitativen Hürde gibt es nicht. Im laufenden Jahr sind deswegen mindestens drei Emissionen bei uns nicht gelaufen, zwei davon sind dann über andere Börsen an den Markt gekommen.
 
BondGuide: Wo sehen Sie noch Defizite bei mittelständischen Unternehmen, die eine Anleihe begeben wollen?
Dierkes: Der ein oder andere Mittelständler scheint bei seinen ersten Überlegungen davon auszugehen, dass mit einem Listing an einem Qualitätssegment wie zum Beispiel dem mittelstandsmarkt der Platzierungserfolg bereits gesichert ist. Für eine erfolgreiche Emission ist aber nicht nur das richtige Timing, sondern auch eine passende Marketing- und Vertriebsstrategie erforderlich. Wir raten dazu, schon frühzeitig Kontakt zu unseren Kapitalmarktpartnern aufzunehmen, die die Unternehmer bei der Transaktion kompetent unterstützen können.
 
BondGuide: Wie beurteilen Sie die Aussagekraft der Ratings bei Mittelstandsanleihen?
Dierkes: Die Ratings sind besonders für Privatanleger wichtig und sollten vor einer Investitionsentscheidung unbedingt beachtet werden. Ganz wichtig dabei ist, nicht nur auf die Note zu schauen. Aus unserer Sicht bietet die auf der Website des mittelstandsmarktes veröffentlichte Rating-Zusammenfassung eine der besten Informationsquellen. Das – wie unsere Klickraten belegen – leider viel zu selten gelesene vier- bis sechsseitige Dokument enthält eine ausführliche Beschreibung der Geschäftstätigkeit und Risiken. Im Vergleich zum Wertpapierprospekt ist dieser Text leichter verständlich und bietet eine gute Orientierung.
 
BondGuide: Kritiker warnen bei Mittelstandsanleihen vor einer Entwicklung wie am Neuen Markt. Es gebe Defizite bei Qualität und Sicherheitsprofil. Haben Sie Recht?
Dierkes: Nein, der Markt für Mittelstandsanleihen ist mit dem Neuen Markt nicht vergleichbar. Beim Neuen Markt waren es exorbitante Zeichnungsgewinne, die Privatanleger angelockt haben. Sie sind mit den positiven Kursverläufen einiger Anleihen nicht ansatzweise vergleichbar. Richtig ist aber, dass die Börsen 2013 wegen der bisherigen Insolvenzfälle gefordert sein werden, zur Qualitätssicherung sowohl die Aufnahmekriterien für Mittelstandssegmente als auch die Mindeststandards für Rating, Transparenz- und andere Folgepflichten genau zu beobachten und unter Umständen weiterzuentwickeln.
 
BondGuide: Was tun Sie, um Anleger in Mittelstandsanleihen besser zu schützen?

Dierkes: Die Transparenz- und Publizitätspflichten in den Mittelstandssegmenten liegen schon heute teilweise über dem Standard des regulierten Marktes. Jede Ausweitung kostet die Emittenten Geld und wäre nur dann sinnvoll, wenn der Privatanleger als wesentlicher Adressat der zusätzlichen Informationen sie auch annimmt. Wie aber die Abrufzahlen auf der Website des mittelstandsmarktes belegen, nutzt er das schon heute sehr umfassende Informationsangebot der Börsenplätze leider viel zu wenig. So spielt beispielsweise die bereits angesprochene Rating-Summary bei diesem Investorenkreis nur eine sehr geringe Rolle. Auch das Folge-Rating wird, wenn überhaupt, nur beiläufig zur Kenntnis genommen. Dieses Anlegerverhalten zeigt, dass die Fortentwicklung der Regelwerke mit Augenmaß betrieben werden sollte.

 
BondGuide: Wie stufen Sie die Handelbarkeit von Mittelstandsanleihen ein?
Dierkes: Valide Aussichten auf einen funktionierenden Sekundärmarkt scheinen sich zu einem Argument beim Vertrieb der Anleihen zu entwickeln. Am mittelstandsmarkt bieten Seidensticker und Hahn ein Mindestausführungsvolumen von 50.000 EUR je Preisfeststellung, was deutlich oberhalb einer durchschnittlichen Privatkunden-Order liegt. Die Sekundärmarkt-Auswertungen, die wir unseren Emittenten quartalsweise zur Verfügung stellen, belegen auch für die übrigen Titel, dass die Liquidität für Privatanleger regelmäßig mehr als ausreichend ist.
 
BondGuide: Herr Dierkes, vielen Dank für das interessante Gespräch! Frohe Festtage und einen guten Start ins neue Jahr!
 
Das Interview führte Thomas Müncher.