„Maximal komfortabel“

Willi Balz

Die Windreich AG zählt zu den Pionieren im Bereich Windkraftanlagen. Das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Wolfschlugen hat 2010/11 auch zwei börsennotierte Anleihen über insgesamt 125 Mio. EUR platziert. Das GoingPublic Magazin sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden über die aktuelle Situation im Bereich Offshore-Windkraft und Finanzierungsoptionen.

Interview mit Willi Balz, Vorstandsvorsitzender, Windreich AG

GoingPublic: Herr Balz, wie ist denn der aktuelle Stand Ihrer Offshore-Projekte?
Balz: Ausgezeichnet. Wir haben drei Projekte beantragt und alle drei sind genehmigt. Mit etwas Glück und Geschick hat keines davon Netzanbindungsprobleme.

GoingPublic: Diese besagte Netzanbindung scheint eines der Schlüsselkriterien für Offshore-Windparks zu sein.
Balz:
Absolut. Bei Global Tech I haben wir den Netzanschluss ganz früh bei der Bundesnetzagentur beantragt. Unser Konkurrent BARD hat einen 800-Megawatt-Anschluss, den er nur mit 100 Megawatt benutzt. Durch eine einfache Stichleitung könnten wir nun seinen Konverter mitbenutzen, bis unsere eigene Hauptleitung 2013 fertig sein wird. Bei MEG Offshore I ist die Ausgangslage umgekehrt, aber noch vorteilhafter für uns. Hier ist durch das Vorläuferprojekt Borkum West II ein 800-Megawatt-Anschluss schon betriebsbereit, errichtet sechs Monate bevor wir unsere erste Anlage aufstellen. Hier liegt also die für die Nordsee einzigartige Situation vor, dass das Netzkabel schon betriebsbereit ist, bevor wir den Windpark aufbauen. Das ist natürlich für uns und unsere Investoren maximal komfortabel.

GoingPublic: Windkraft versteht nicht jeder, so scheint es. Wie groß sind die Schwankungen zwischen schwachen und starken „Windjahren“?
Balz:
Onshore sind die teilweise dramatisch. 40% hat man da schon gesehen. Offshore sind es nur 3 bis 4% pro Jahr. Wind gibt es in der Nordsee nun wirklich genug, aber ohne katastrophale Ereignisse wie Tornados oder Hurrikans. Die Jahresdurchschnitts-Windgeschwindigkeit von 10 m/sec ist ein Mittelwert und geradezu optimal für Windkraftanlagen geeignet.

GoingPublic: Man hört sowohl in der Solar- wie auch der Windkraftindustrie das unschöne Wort „Überkapazitäten“ – können Sie das nachvollziehen?
Balz:
Für hochwertige Windkraftanlagen gilt gerade das Gegenteil. Wenige können Qualität made in Germany liefern: Die von uns verwendeten Windkraftanlagen werden von Areva S.A. in Bremerhaven gebaut, und hinter Areva steht die Bonität des französischen Staates. Das ist für die Gewährleistungen im Rahmen der zehnjährigen Vollwartungsverträge wichtig. Die von uns verwendeten Windkraftanlagen sind ausgiebig getestet und weltweit führend. Ich gebe gern zu, dass ich hierbei wirklich ein Fan qualitativ hochwertigster Komponenten aus Deutschland bin und mich gerade offshore nicht auf Experimente einlassen möchte.

GoingPublic: Wie kann es sein, dass Komponentenzulieferer trotz boomenden Geschäfts, wie ich Ihren Ausführungen entnehme, in Schieflagen geraten? SIAG Schaaf Industrie beispielsweise musste im Frühjahr Insolvenz anmelden.
Balz:
Jedenfalls hat es nicht mit der Offshore-Branche an sich zu tun. SIAG hätte meiner Einschätzung nach eine gute Zukunft gehabt, wenn sie noch ein Jahr durchgehalten hätten.

GoingPublic: Hat sich denn Ihre eigene zweite Windreich-Mittelstandsanleihe trotz höherem Zins wirklich noch gelohnt?
Balz:
Wir gingen nach dem großen Erfolg der ersten Anleihe davon aus, dass wir die zweite Anleihe ohne Bankenunterstützung in Eigenregie platzieren können. Anfangs lief es prima, später sind wir in ein schwieriges Umfeld geraten. Die gesamte Nachrichtenlage im Bereich Clean Energies drehte plötzlich, darunter die Insolvenzen in der Solarbranche oder auch zuletzt die Nachricht von RWE, ihr großes Offshore-Projekt vorerst auf Eis zu legen. Das alles half unserem Bond natürlich überhaupt nicht.

GoingPublic: Trotzdem haben Sie sich noch irgendwie durchgemogelt bei der Platzierung.
Balz:
Was wir bei den Gebühren an Bankenunterstützung gespart hatten, haben wir letztlich wieder draufgezahlt. Der Schwerpunkt der Platzierung lag zum Glück bei nominal 6,5%, der Durchschnittszinssatz dann aufgrund der gesunkenen Anleihekurse bei ca. 9%. Unter dem Strich können wir damit leben. Womöglich hätten wir auch den Kupon von Anfang an höher bei 7 oder 7,5% ansetzen sollen, wie bei fast allen Anleihen, die nach unserem Emissionsstart seinerzeit an den Markt gingen.

GoingPublic: Der Markt misstraut Windreich jedoch angesichts von Kursen um 60%. Käme da nicht ein günstiger Rückkauf bei den Anleihen in Frage?
Balz:
Ja, selbstverständlich. Wir gehen jetzt nach dem pünktlichen Baustart von Global Tech I in den Verkauf von Global Tech I-Anteilen. Hieraus können wir mehr als 100 Mio. Euro erlösen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, nutzen wir einen Teil der Erlöse zum Rückkauf von Anleihen – klar!

GoingPublic: Versteht der „Markt“ eigentlich die Windreich-Story?
Balz:
Zumindest nicht vollständig. Zum Beispiel stellen wir ja keine Komponenten selbst her. Das hat noch nicht jeder begriffen. Wenn Komponentenzulieferer dünne Margen haben, dann profitiert Windreich. Die Folgerung, dass wir Schwierigkeiten bekommen, wenn z.B. ein Windkraftanlagen-Hersteller kein Geld mit Windkraftanlagen verdient, ist genau falsch. Die Finanzmärkte haben das Wachstumspotenzial der Windenergie generell und die Marktposition der Windreich AG in diesem Marktsegment leider noch nicht erkannt. Vermutlich betreiben wir aber auch selbst zu wenig Aufklärungsarbeit. Andererseits aber meine ich, dass unsere nachweisbaren Erfolge für sich sprechen müssten.

GoingPublic: Was man heute noch ständig hört in Verbindung mit Windreich, ist die leidige „Oldtimer-Story“. Können Sie die einfach mal aus der Welt räumen?
Balz:
So viel ist da eigentlich gar nicht aus der Welt zu räumen. Man hatte bei der ersten Windreich-Anleihe fälschlicherweise geschrieben, „wesentliche Teile“ der Emission von 50 Mio. EUR hätte ich in Oldtimer investiert. Das war doppelt falsch: Zum einen gab es die Oldtimer schon vor der Emission, zum anderen standen die mit nur 12 Mio. zu Buche. Das haben wir korrigiert und haben die Fahrzeuge zu Preisen, die jedem Drittvergleich standhalten, entnommen.

GoingPublic: Aber irgendwie wirkte es verwirrend, dass überhaupt Oldtimer in den Büchern auftauchen.
Balz:
Wären es nicht Oldtimer, sondern andere Sachwerte wie beispielsweise Gold gewesen, hätten alle gesagt: „Was für clevere Geschäftsleute bei Windreich“. Nur hat sich eine hochwertige Oldtimersammlung im Wert deutlich besser entwickelt als der Goldpreis. Das Investment war weder verboten noch verkehrt – aber eines stimmt: Es gehörte nicht zum Kerngeschäft, und deshalb haben wir diese Situation bereinigt.

GoingPublic: Herr Balz, ganz herzlichen Dank für die interessanten und aufschlussreichen Einblicke!

Das Interview führte Falko Bozicevic.

Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Sonderausgabe "Cleantech 2012".